Freitag, 27. August 2010

Ich stelle mir vor: Eine Welt ohne Push-Werbung

Habt ihr zu Hause auch so abstruse Diskussionen darüber, wie die Welt von Morgen sein könnte? Irgendwer fragt, meinetwegen beim Joggen, Essen, Kaffeetrinken oder Kochen: „Was, wenn es XYZ nicht gäbe?“ und schon geht’s los. Kennt jeder, oder?

Wir hatten neulich beim Kartoffelschnippeln so eine utopische Debattierrunde über Push-Werbung, also all die Werbebotschaften, die uns ungebeten erreichen. TV-Spots, Werbejingles, Plakate, Flyer, Banner und Spam-Mails - die bunten lauten Bild- und Tonfolgen, die wir eher unbewusst wahrnehmen und im Netz dank AdBlocker ausblenden können.

Wie wäre unsere Welt ohne Push-Werbung? Es gäbe sie schlicht nicht mehr, die nach dem Gießkannenprinzip breit gestreute Werbung für Nahrungs- und Genussmittel, Konsumartikel, Produkte und Dienstleistungen der privaten Wirtschaft! Im Klartext: Mitten im Film keine KFZ-Werbung vor dem Hintergrund unberührter Naturlandschaften und auch keine blaue Periodenblutungsersatzflüssigkeit mehr. Ich bin nicht sicher, ob mir etwas fehlen würde. Okay, der eine oder andere Werbeohrwurmsong hatte was. Nein, dabei denke ich nicht an Stu-Stu-Studio Line oder den Ültje-Song, den ich leider immer noch auswendig hersingen kann.

Aber es gäbe ja auch weiterhin Werbung. Nur eben keine Push-Werbung mehr! Es wäre einfach nicht mehr üblich für Produkte und Dienstleistungen Werbung zu zeigen, bevor der Empfänger explizit darum gebeten hat. Opt-In überall, in allen Medien, auf allen Kanälen. Wer ein Wägelchen, Hütchen oder Waschmaschinchen braucht, der muss im Netz aktiv danach suchen (oder alternativ vor dem TV sitzend auf das im Film gezeigte Produkt klicken, um die dazugehörigen Werbebotschaften und Bezugsquellen abzurufen). Es wäre das Ende unerwünschter Werbung.

Möglicherweise wären ein paar Dinge von dieser Regelung ausgenommen. Zum Beispiel alles, das für die menschliche Gemeinschaft bedeutsam ist – als da wären kulturelle Veranstaltungen (z.B. Konzerte, Vernissagen, Theateraufführungen, Lesungen und Kinofilme), öffentliche Feiern und Feste (z.B. Viertelfest, Oktoberfest und Breminale) und alle Termine wichtiger politischer Entscheidungen, Petitionen, Volksabstimmungen, Wahlen oder Gesetzesänderungen. Gesundheitsrelevantes, wie aktuelle Sicherheits- und Warnmeldungen, dürfte natürlich auch weiter in den Medien gepusht werden. Nur die gute alte Konsumwerbung, mit der Kaufentscheidungen herbeigeführt oder Nachfrage erzeugt werden soll, wäre nur noch mittels Pull-Verfahren abrufbar.

Würde uns was Wichtiges fehlen?

Samstag, 21. August 2010

Du wirst gelebt haben wollen

Ein Teil von mir findet es ziemlich pathetisch, sich jetzt hinzusetzen und einen Blogpost zu schreiben, weil heute Christoph Schlingensief gestorben ist. So viel weiß ich doch gar nicht über ihn, kannte ihn nicht einmal persönlich, warum also sollte ich von seinem Leben und seinem Tod berührt sein? Will ich mich wirklich einreihen in die Schlange derer, die auf einmal dieses Leben und diesen Tod kommentieren müssen?

Nein.

Aber als ich eben auf der Couch saß, da kam mir erst ein Gedanke und dann ein Gefühl. Der Gedanke war:

"Wenn seine Seele hier herumirren und zufällig in meinen Körper eindringen könnte, wie würde er sich - nach seinen monatelangen Leiden - in diesem kerngesunden Körper wohl fühlen?"

Bei dieser Vorstellung erfasste mich ein merkwürdiger Energierausch, ein Gefühl unbändiger Macht und Lebendigkeit. Schmerzfrei zu sein! Sich völlig frei bewegen zu können! Jetzt sofort aus dem Haus gehen und durch die Nacht laufen und springen zu können, stundenlang, sorglos und völlig unabhängig! Noch ungezählte Jahre vor sich zu haben! Was würde dieses, für mich völlig alltägliche und daher unspektakuläre Gefühl, in einem Christoph Schlingensief wohl auslösen? Was wäre das für eine emotionale Fall- oder besser Flughöhe? Und was würde er wohl als Erstes tun?

Aus diesem Gefühl heraus bin ich dann eben doch aufgestanden und habe diesen Text geschrieben. Weil es ja nicht schaden kann, wenn wir uns alle immer mal wieder vor Augen halten, was wir alles noch fühlen, erleben und tun können.

Was werden wir als Erstes tun?
Was wirst Du als Nächstes tun?

Donnerstag, 19. August 2010

Wenn's nicht läuft, dann packen wir eben noch ein Projekt oben drauf!

Normalerweise würde ich diesem Satz nicht zustimmen. Nicht mehr, sollte ich ergänzen, denn noch vor einigen Jahren gab auch ich mich gern demonstrativ der Illusion hin, ich würde unter Druck (sprich: Distress) noch besser funktionieren und mehr leisten. Es gehört ja heute beinahe zum guten Ton, das von sich zu behaupten.

Inzwischen weiß ich es besser und habe dem blinden Aktionismus ebenso abgeschworen, wie dem Bedürfnis, alles immer bereits gestern fertig haben zu müssen und ständig emsig zu rotieren. Wieso also dann so ein Titel? Weil es manchmal anders kommt, als man denkt!

Eben noch sitze ich an einem Herzensprojekt (was Literarisches) und hoffe, den nächsten Meilenstein in greifbarer Nähe zu haben - da fällt alles aus unerfindlichen Gründen in sich zusammen. Gerade Herzensprojekte stocken anscheinend gern mal wenn man ihnen die falsche Art von Aufmerksamkeit schenkt, oder kommt es nur mir so vor? Jedenfalls riecht es nach einem mittelgroßen Hänger und ich komme seit Tagen nicht mehr voran. Die dafür vorgesehenen Stunden werden immer mühseliger und ich immer bockiger. Bis, ja, bis sich mir völlig unverhofft eine ganz andere Projektidee in die Arme wirft und um Aufmerksamkeit bettelt, während eine kleine Stimme in mir sagt: Warum eigentlich nicht?

Es handelt sich um die Art von Projekt, bei der man nichts zu verlieren und alles zu gewinnen hat. Worum geht's? Die Ideen Initiative Zukunft der Drogeriekette dm und der deutschen UNESCO-Kommission hat einen Wettbewerb ausgeschrieben. Gesucht werden nachhaltige und zukunftsweisende Projekte für die Welt von Morgen. Die Teilnahmekriterien sind denkbar einfach:

TEILNAHMEKRITERIEN

  • Die Projektidee ist umsetzbar - denn nur dann ist sie auch zukunftsfähig. Natürlich kann auch ein bereits laufendes Projekt am Wettbewerb teilnehmen.
  • Die Idee oder das Projekt fördert nachhaltiges Handeln auf ökologischer, sozial-kultureller und/oder wirtschaftlicher Ebene.
  • Ihre Projektidee kann Vorbild für andere sein. Sie kann von anderen Menschen an verschiedenen Orten umgesetzt werden.
  • Wer seine Zukunftsidee einreicht ist bereit, sie öffentlich in einem dm-Markt in seiner Nähe vorzustellen. So kann sie auch anderen Menschen Impulse für nachhaltiges Denken und Handeln geben.

Wie es der Zufall so will eignet sich eine auf Halde liegende, ältere Projektidee (genau genommen zwei unterschiedliche Ideen, die sich bislang nicht zu Projekten ausgewachsen hatten, sich aber gegenseitig befruchten) hervorragend dafür. Details werden noch nicht verraten, aber es geht um Bildung und Arbeit (Projekt-Codename: Mokassin). Schwuppdiwupp das Frollein Mone und den Herrn Helge kontaktiert, in einem neunzigminütigen Telefonat das Für und Wider abgewogen - et voilà! Wir werden es versuchen!

Der Aufwand ist zunächst überschaubar, denn wir brauchen ja im ersten Schritt nur ein ausgearbeitetes und durchdachtes Konzept bis zum Oktober. Das ist machbar und hält die grauen Zellen immerhin lange genug in Schwung, um den Druck aus dem widerspenstigen literarischen Projekt zu nehmen, damit es wieder atmen kann. Insofern ist das Herzensprojekt ja nicht unter einem Zusatzprojekt begraben oder gar ad acta gelegt, sondern nur in die Kur geschickt. Wer weiß, vielleicht flutscht es am Ende bei beiden Projekten wieder und das spontane Umsatteln war der richtige Impuls?

Mittwoch, 11. August 2010

Auf hohem Niveau enttäuschend - "Inception" (2010)

Mir ist egal, ob schon jeder Blogger zwischen hier und Timbuktu was zu Nolans Inception verfasst hat. Auch mein kleiner Rant will raus. Ja, natürlich ist das ein saugut gemachter Film. Ich bin sogar bereit zuzugeben, dass das einer der wenigen Filme ist, die ich nach dem ersten Mal direkt noch einmal anschauen werde (was u.a. am unvergleichlichen Zimmer-Sound und Tom Hardy liegt). Trotzdem, die Storyline weist zwei grundlegende Patzer auf, die mich nerven.

Da ist zum Einen die merkwürdige Ausgangsmotivation von Cobb, die hier (Achtung, teilweise Spoileralert!) schon schön auf die Schippe genommen wurde. Ich verstehe, dass er sein Heimatland und seine Kinder vermisst. Ja, die Hintergründe seiner Abwesenheit sind tragisch. Aber muss es denn gleich ein derartig elaborierter Projektplan sein, um nach Hause zu kommen? Muss es einmal mehr dieser allerallerletzte irrsinnig riskante und tödlich illegale Auftrag sein, den ein verzweifelter Protagonist als einzigen Ausweg erlebt? Och, büdde… In der mir bekannten Realität gäbe es durchaus gangbarere und weniger umständliche Alternativen, in denen Michael Caine bei einer Familienzusammenführung hätte behilflich sein können. Es muss ja nicht gerade Frankreich sein...

Desgleichen die Motivation von Saito. Mal ehrlich, bin ich die Einzige, die es seltsam findet, dass ein japanischer Wirtschaftsriese die drohende Monopolstellung des US-amerikanischen Konkurrenten zum Anlass für so ein Projekt nimmt? Würden nicht gerade solche wirtschaftsmachtgeilen Leute, denen der eigene Konzern über alles geht, kostengünstigere und effizientere Maßnahmen ergreifen? Würde ihnen nicht auffallen, dass das im Film dargestellte Inception-Projekt geradezu atemberaubend überdimensioniert und riskant ist, angesichts des angestrebten (äußerst fragwürdigen) Ziels? Wie schon im Fall von Cobbs Wunsch, nach Hause zu kommen, steht hier der Aufwand in einem seltsamen Verhältnis zum Ergebnis.

Meine Kritik gilt nicht der Realitätsferne der Story, nicht falsch verstehen. Ich liebe Realitätsferne. Ich finde es nur schade, wenn ein so guter Film plotseitig solche Macken hat. Die überaus spannende utopische (oder auch dystopische?) Zukunftsvision wird entscheidend dadurch geschwächt, dass hier mainstreamtaugliche, leicht verdauliche und eben dadurch anachronistisch anmutende Motivationslagen der Charaktere zum Einsatz kommen. Das ist zweifelsohne großes Kino, aber mit überraschend armseligen, kleinen, in überkommenen Sachzwängen gefangenen Menschen der Vergangenheit und Jetztzeit. Derweil warte ich immer noch auf Utopien und SciFi-Filme, in denen sich die Menschen selbst weiter entwickelt haben – statt nur ihre albernen Machtspielzeuge zu perfektionieren.

PS: Spoileralert - Für alle, die den Film schon gesehen haben und sich fragen, wer wann was geträumt hat: hier gibt es eine gelungene grafische Darstellung.

Sonntag, 25. Juli 2010

Nicht einfach alles runterschlucken

Der Titel ist hier nicht sinnbildlich, sondern im Wortsinne zu verstehen. Denn was wir uns in fester (oder flüssiger) Form in den Mund stecken bleibt ebenso wenig folgenlos, wie die Worte, die wir mit ihm formen. Wem das jetzt didaktisch anmutet, der ist auf der richtigen Fährte: es geht um einen Kurzfilm für Schulkinder. Statt mit grausamen Bildern aus der anachronistisch-industriellen Massentierhaltung ihre Botschaft zu transportieren (wie z.B. Earthlings das tut), versucht Kris Hofmann die Geschichte unseres Frühstücks kindgerecht zu erzählen. Das ergibt dann eine didaktische Geschichte, die an Schulen gezeigt werden kann:


Frühstück from Kris Hofmann on Vimeo.

Interessant ist nicht nur der Film, sondern auch die Diskussion auf den Seiten der Albert-Schweitzer-Stiftung. Dort wird u.a. die Frage aufgegriffen, für welche Altersgruppe dieser Film geeignet sei, und wie Lehrer es mithilfe dieses Films schaffen können, die Fragen der Kinder zu beantworten und dabei Lösungen und Alternativen anzubieten.

Quelle: http://albert-schweitzer-stiftung.de/aktuell/wir-bringen-fruhstuck-in-die-schulen

Samstag, 24. Juli 2010

Irgendwo im Viertel...


Wie man unschwer erkennen kann, mag ich nicht gern fotografiert werden. Aber die Evi darf das, die ist immerhin Fotografin ;-)

Was Huxley, Skinner, Thoreau und Walser miteinander zu tun haben

Wie ich bereits erwähnte, lese ich gerade Huxley (auf Deutsch). Es geht schleppend voran (erst Seite 181). Das liegt ganz profan an Alltagsanforderungen, denen ich derzeit aufgrund meines hohen Schreibaufkommens inkompetent gegenüber stehe. Es liegt aber auch, bei allem Respekt, ein bischen an Huxley.

Natürlich ist das ein großartiger Stoff. An jeder Wegkreuzung möchte ich anhalten und mich eingehender mit dieser utopischen Inselwelt Pala beschäftigen. Ich möchte Skinners Walden Two dazunehmen, das Original von Henry David Thoreau außerdem, mich damit in meinem Heimbüro verkriechen und wochenlang höchstens Abstecher zur Bibliothek, Buchhandlung, Küche oder Toilette machen.

Geht aber nicht. Was bleibt ist eine halbe Stunde hier, ein paar Minuten vor dem Einschlafen da, und am Wochenende ein Stündchen auf Balkonien. Und in diesen kurzen Lesephasen fällt mir vor allem eines auf: Dialogizits Immensis. Oder, wie ich hier mal schrieb: Diskursive Monologizitis. Seeeeeeitenlang. Ich schätze Dialoge und ihre Kraft sehr, schreibe sogar selbst eher dialoglastig. Aber das ist nun doch etwas viel:

Das Gespräch zwischen Will und Murugan beginnt auf Seite 47 und wird auf Seite 56 unterbrochen. Wohlgemerkt, der Dialog endet dort nicht, es kommen lediglich Murugans Mutter und Bahu dazu. Palaver, Palaver, Palaver, mit kurzen Unterbrechungen durch indirekte Rede wird gesprochen bis Seite 103. Weitere Leute kommen und gehen, das Gespräch bleibt. Auf Seite 105 beginnt schließlich ein (sehr interessantes) Gespräch zwischen Will und Susila. Auf Seite 129 stöß Dr. MacPhail dazu. Wieder wird erzählt und erzählt bis Seite 159. Nun bin ich auf Seite 181 angekommen (an einer Stelle, an der gerade Will, Dr. MacPhail und Vijaya etwas miteinander zu bereden haben) und habe das Gefühl, es ist noch gar nichts geschehen. Gezeigt wurde wenig, gesagt viel, und Spannungsmomente kann ich mit der Lupe suchen.

Mein Gegengift: Ich lese nun Zwischendurch immer wieder ein paar Seiten von Walsers "Fliehendem Pferd". Zu einem unangenehm scharfen Gericht gehört einfach ein Mangolassi.

Zum Wohl.

Donnerstag, 15. Juli 2010

Huxleys Eiland - die vierzehnte Seite

Eigentlich lese ich Huxley lieber auf Englisch. Aber nach „Die Pforten der Wahrnehmung“ (Piper 2007, übersetzt von Herberth E. Herlitschka) lag auf einmal auch „Eiland“ (2010) aus demselben Hause in der deutschen Übersetzung (von Marlys Herlitschka) auf meinem Ungelesenhaufen. Warum also nicht? Schließlich schreibe ich gerade auf Deutsch und vielleicht hat ja der deutsche Huxley die Eine oder Andere befruchtende Wirkung auf meine Schreibe?

Dass ich allerdings schon nach zweiundzwanzig Seiten den ersten Blogpost schreibe würde, hätte ich nicht gedacht. Nein, an der Übersetzung ist nichts auszusetzen (zumindest ist mir noch nichts aufgefallen). Dieser Romananfang hat nur so seine Überraschungen. Nichts Weltbewegendes, aber seit einiger Zeit reagiere ich offenbar sensibler auf Romananfänge. Fand ich vor Jahren noch in fast jeden Roman mühelos hinein, so halte ich inzwischen immer öfter inne und finde etwas, das mich stört, das mich Kommentare an den Seitenrand kritzeln oder gar den ganzen Roman wieder aus der Hand legen lässt.

Zunächst gibt es eine Parallele zu Marge Piercys „Die Frau am Abgrund der Zeit“ (Heyne, 1976): Ich weiß als Leserin, dass es um eine utopische Welt gehen wird, finde aber auf den ersten zehn, zwanzig Seiten allerhand Dystopisches oder allzu Reales. Dagegen ist nichts einzuwenden. Ich lerne gern den Protagonisten ein wenig kennen, bevor ich ihm (oder ihr) in die utopische Welt folge. Bei Marge Piercy fand ich zwar die Jetztwelt etwas arg überzeichnet, aber immerhin prägte sich der Name und die Persönlichkeit der Protagonistin Conny schon nach wenigen Seiten unauslöschlich ein, während ich bei „Eiland“ vor wenigen Sekunden noch grübeln musste, ob der Name des Protagonisten überhaupt schon gefallen war. Ja, war er, und zwar gleich im zweiten Absatz: Will Farnaby. Warum also hatte ich mir das nicht gemerkt?

Vielleicht hat es damit zu tun, dass ich Marge Piercy entspannt im Urlaub las und es um eine weibliche Figur ging, während ich „Eiland“ mit seinem männlichen Protagonisten schon auf den ersten zweiundzwanzig Seiten mehrfach alltagsbedingt unterbrechen musste. Womöglich war ich einfach unaufmerksam.

Meine Aufmerksamkeit reichte jedoch aus, um auf Seite vierzehn ein missbilligendes Grunzen von mir zu geben und ein „Oh je“ an den Rand zu kritzeln. An dieser Stelle enden die Erinnerungen und Tagträumereien des Protagonisten Will, der bislang ermattet, verwirrt und anscheinend verwundet im Dreck gelegen hat. Ganz plötzlich fällt ihm nämlich wieder ein, wo er sich befindet, und dass er dort nach einem Sturm gestrandet war:

"Bei diesen Worten fiel Will plötzlich alles wieder ein. Er befand sich auf Pala, der 'verbotenen Insel', dem Ort, den noch nie ein Reporter betreten hatte. Und heute musste der Morgen nach dem Nachmittag sein, an dem er törichterweise außerhalb des Hafenbereichs von Rendang-Lobo allein eine Segelfahrt unternommen hatte. Alles fiel im jetzt ein [...]."

Ein Hauch von Infodump-Feeling wehte durch den Raum und ich war tatsächlich für ein paar Minuten enttäuscht.

Nein, ich werde nun nicht alles erneut lesen um zu analysieren, was genau mich an dieser Textpassage gestört hat. Glücklicherweise habe ich schon längst über die vierzehnte Seite hinweg gelesen, denn auf Seite siebzehn taucht Mary Sarojini MacPhail (was für ein Name!) auf, die mich schon in ihrer ersten Szene mächtig beeindruckt hat. Womöglich folgt ein Blogpost darüber, wie ihr das gelungen ist. Ich werde jetzt schleunigst weiter lesen und mich an diesem kleinen Hängerchen auf Seite vierzehn nicht festbeißen. Vielleicht verstehe ich am Ende des Romans, warum Huxley so vorgegangen ist?

Mittwoch, 14. Juli 2010

Sustain O'publish

Frisch angeregt durch diese Facebook-Diskussion (via @steffenmeier) fiel mir wieder auf, dass mir eine Sache in der ganzen Quo-vadis-Printverlage-Debatte regelmäßig zu kurz kommt: die Nachhaltigkeit. Nein, damit meine ich nicht den im allgemeinen Sprachgebrauch angekommenen und dabei zum Luftikus verkommenen Begriff, den Werbung und Marketing seit Jahren in die Welt hinaus plärren. Ich denke weit über umweltschonend hergestelltes Papier oder Green IT hinaus und sehe Nachhaltigkeit mindestens im Sinne des Drei-Säulen-Models als die gleichwertige Abwägung von ökologischen, sozialen und ökonomischen Aspekten.

Das sagt sich leicht dahin, aber bitte mal kurz innehalten und auf der Zunge zergehen lassen: Die gleichwertige (!) Abwägung von ökologischen, sozialen und ökonomischen Aspekten. Wer das einmal konkret und praktisch im Geschäftsalltag (oder auch als Privatmensch) versucht hat wird wissen, wie komplex das Ding ist. Einfach mal die eigenen Gehirnwindungen um dieses Konzept wickeln und die Implikationen sacken lassen.

Nachhaltig wäre eine Entscheidung demnach, wenn den Verlockungen einseitiger und kurzfristiger Zielsetzungen (wie z.B. kurzsichtige Status-Quo-Stabilisierungen, Kürzungen und Einsparungen, unausgegorene Produktneuerungen, Prozessoptimierungen oder unmäßige Profitsteigerungen) widerstanden wird, und die Geschäfte so vonstatten gehen, dass dabei alle vernünftigerweise aktuell erfassbaren, ersichtlichen und ermittelbaren Folgen dieser Entscheidung ausgewogen berücksichtigt werden. Das kann auch heissen, dass die ursprüngliche Zielsetzung sich als untragbar herausstellt. Im Endergebnis geht es nämlich darum im jeweiligen Kontext soweit als möglich soziale Härten und Ungerechtigkeiten, Schädigungen der Umwelt, Ressourcenverschwendungen und wirtschaftlich unerwünschte Fehlentwicklungen zu vermeiden.

Ja, uff. Und das nicht nur Jetzt und Hier, was ja noch überschaubar wäre, sondern kurz-, mittel- und langfristig, lokal, regional und global, für alle Betroffenen – also menschenweit.

Mit einer Umstellung auf FSC-zertifiziertes Papier oder Ökostrom ist das nicht getan. Damit fängt es höchstens an. Wenn also heute immer noch frei von Nachhaltigkeitserwägungen darüber diskutiert wird, ob ein eBook billiger sein darf als sein Papierbruder (das pBook), dann wundere ich mich.

Neulich erst habe ich den Verleger Klaus Wagenbach in einer Gesprächszeit des Nordwestradios sagen hören, Verlegen sei zunächst einmal ein Handwerk und als solches von handwerklichen Erwägungen geleitet: welches Papier, welcher Einband, welcher Druck...

Daran denke ich wenn ich mir vorstelle, dass ein eBook nach Abwägung aller Kriterien möglicherweise die nachhaltigere Publikationsform darstellt. Die Vermutung liegt nahe, dass - im Vergleich zum pBook - für die Herstellung eines eBook weniger Ressourcen (z.B. Papier, Druckerfarbe) notwendig sind und die Distribution ohne lange Transportwege (z.B. per LKW) ebenfalls nachhaltiger sein dürfte. Zugegeben, diese Überlegungen sagen noch nichts darüber aus, ob in einer ordentlichen Nachhaltigkeitskalkulation das eBook die Nase vorne hätte. Aber nur mal angenommen, es sei so: Wenn das eBook tatsächlich nachhaltiger im o.g. Sinne wäre und dieser Zukunftsvorteil, diese Ressourcenfreundlichkeit sich nicht im Preis niederschlüge, könnte man von einer protektionistisch motivierten Bevorteilung des pBooks und seiner Verleger sprechen. Wie lange das funktionieren würde, ist fraglich.

Soweit zur ökologischen Seite. Soziale und wirtschaftliche Aspekte der Nachhaltigkeit stehen gleichermaßen zur Diskussion, zum Beispiel wenn Autoren, Korrektoren, Lektoren und Übersetzer für eBooks geringer entlohnt würden, als für pBooks.

Natürlich ist das verkürzt dargestellt und kann nur einen Einstieg in das Thema bieten. Ich persönlich weiß zu wenig über die Verlagsarbeit, um hier alle Aspekte ansprechen zu können. Sicherlich gibt es kundige Verlagsmenschen, die dazu mehr zu sagen haben (und dies in der Eingangs erwähnten Facebook-Diskussion bereits getan haben). Es geht mir mit diesem Blogpost auch nicht darum, Verlage für mangelnde Nachhaltigkeit an den Pranger zu stellen. Ich verstehe, dass Verlage unter Druck sind und die Konvertierung ins ePub-Format sie vor zusätzliche Kosten und Aufwände stellt, die in der Kalkulation berücksichtigt werden müssen (siehe beispielhaft hier). Ob daraus folgen kann, dass eBooks teurer als pBooks sein können? Ich weiß es nicht. Ich habe auch keine Antwort auf die Frage, was all das für die Buchpreisbindung bedeutet.

Aber ich finde es wichtig, die Frage nach der Nachhaltigkeit auch im Verlagswesen zu stellen und zu diskutieren. Wer weiß, womöglich entstehen die künftig erfolgreichen publizistischen Geschäftsmodelle, nach denen allenthalben händeringend gesucht wird, gerade an der Schnittstelle zwischen technologisch induzierter Marktumwälzung, verändertem Leserverhalten und Nachhaltigkeit? Immerhin bekommen Produzenten und Dienstleister anderer Branchen heute bereits zu spüren, dass ein Mangel an Nachhaltigkeit, Transparenz und unternehmerischer Gesellschaftsverantwortung tatsächlich Kunden kosten und Umsatzeinbußen herbeiführen kann (z.B. Nestlé / Kitkat, hier in einer Präsentation von Prof. Peter Kruse angesprochen). Ich denke nicht, dass Verlage von dieser Entwicklung langfristig ausgenommen sein werden. Vielleicht boykottieren Leser irgendwann Verlage, weil sie deren Ressourcenverschwendung nicht länger tolerieren? Vielleicht wechseln Journalisten, Autoren und Lektoren irgendwann mit fliehenden Fahnen zu Verlagshäusern, die sie fair behandeln und angemessen bezahlen? Und vielleicht werden jene Verlage erfolgreich aus diesem Wettbewerb hervorgehen, die das Konzept Nachhaltigkeit verstanden haben?

Samstag, 3. Juli 2010

Laue, lange Mittelnacht

Als Lichtquelle: der Fernseher. Als Wärmequelle: die unerbittliche Hitze des sich verabschiedenden Tages. Als Luftquelle: Balkontüren und Fenster, weit geöffnet, sowie der Ventilator, surrend. Als Unterhaltungsquelle: der Mann, das Glas Wein und das 3sat Nachtprogramm. Das sind die Zutaten für einen entspannten Einstieg ins Sommerwochenende, zumal wenn zwei Filme aus der Rubrik „Noch nie gesehen, aber möglicherweise interessant“ auf dem Programm stehen.

Was dann folgte, war die wohl schalste Unterhaltung seit Australia, falls man es denn überhaupt Unterhaltung nennen möchte. Rückblickend wäre es fast passender, von Nervung oder Langweilung zu sprechen. Statt netter Berieselung gab es mit Studio 54 und Beautiful Girls einfach nur grottig schlechtes US-Kino der Klischeeklasse.

Dabei hätte "Studio 54" (1998, von Marc Christopher, mit Ryan Phillippe, Salma Hayek, Neve Campbell und Mark Myers) es so leicht gehabt. Eine nostalgische Hommage an den New Yorker Kultclub der späten 70er, das hätte ein verdammter filmischer Selbstläufer sein müssen. Leider funktioniert der Film nicht einmal dort, wo er sich auf die Musik und das Lebensgefühl im Studio 54 beschränkt. Der Funke springt nicht so recht über. Außerdem schien irgendwer gedacht zu haben, das Ganze bräuchte einen Spannungsbogen. Leute, lasst das sein. Erzählt doch eine simpel gestrickte, eindimensionale Geschichte ohne diese misslichen Versuche, Tiefe reinzufrickeln. Das laue Konfliktchen zwischen Shane und seinem Dad, das noch lauere Konfliktchen zwischen Shane und seinem Kumpel, und das oberlaueste Konfliktchen zwischen Shane und seiner Beinahe-Freundin (einer völlig farblosen Neve Campbell, die bei mir den Eindruck erweckte, sie spiele sich im Grunde selbst). Das ist alles ziemlich halbherzig erzählt und arbeitet mit derart unmotivierten Stimmungswechseln, dass man den Schauspielern nur wenige Emotionen abnimmt. Schnell wird der vermeintliche Spannungsbogen zum Frustbogen.

Kurzweilig war es trotzdem. Salma Hayek ist wie immer nett anzuschauen. Ryan Phillippe hat bei mir schon deshalb gute Karten, weil er jemandem aus meiner Vergangenheit ähnelt. Entsprechend positiv voreingenommen und milde gestimmt verfolgte ich das Filmchen. Am Ende wird aber wohl doch die einzige bleibende Erinnerung die Szene sein, in der Ryan Philippe sein Hemd auszieht, um am Türsteher vorbei in den Club zu kommen. Das ist lecker, aber nicht sättigend. Aus dem Mythos 54, diesem ewigen Menschentraum von einer Nische ohne Grenzen und Regeln, hätte sich mehr machen lassen.

Ganz dicke kam es mit "Beautiful Girls" (1996, von Ted Demme mit Uma Thurman, Natalie Portman, Matt Dillon und Timothy Hutton). Im Trailer hatte der Film sich noch als eine Art US-amerikanischer Variante von Bridget Jones getarnt. Dass also auch dieser Film den Bechdel-Test nicht bestehen würde, war klar. Dass er tatsächlich noch einige Stufen seichter als "Schokolade zum Frühstück" sein würde, stellte sich schnell heraus. Einziger Lichtblick in diesem Kindergarten: Natalie Portman und (bedingt) Uma Thurman.

Es gab, glaube ich, keine einzige Szene, die mir ein müdes Lächeln entlockt hätte. Falls das eine ironisch-augenzwinkernde Beziehungskomödie sein soll, so fehlt es schlicht an Ironie, Augenzwinkern und Beziehungen. Die Erwachsenen (Altersgruppe: Mitte/Ende Zwanzig) in diesem Film benehmen sich so unreflektiert und kindisch, dass die Figur der dreizehnjährigen Natalie Portman alle doppelt überragt und mir wohl als einzige in guter Erinnerung bleiben wird. Kaum zu ertragen ist die müffelnde Mischung aus verkrampfter Pseudofrivolität und prüder Moralkeule, wie sie typisch ist für US-amerikanische Komödien. Einmal mehr sind Fremdgeher charakterschwach und/oder fies (und natürlich, man ahnte es, dunkelhaarig!) und am Ende erhalten sie ihre gerechte Strafe, während alle, die den Versuchungen brav widerstehen, irgendwie vage geläutert aus dem Filmchen hervorzugehen scheinen. Vom dargebotenen Frauen- und Männerbild möchte ich jetzt einfach nur schweigen.

Mein Fazit: Wäre ich doch besser zum Super-8-Filmabend auf der Breminale gegangen...