Elderly Animals: Photographs by Isa Leshko from Mark & Angela Walley on Vimeo.
d.o.n.c.i.
Discursive Observations on Narrative Communication & Introspection.
Zwischen Nexus und Limbo.
Dienstag, 10. Januar 2012
Montag, 19. Dezember 2011
Realitätsverlust
Ich lebe in zwei Welten. An die tägliche Pendelei, die das mit sich bringt, habe ich mich inzwischen gewöhnt. Was ich zu bemängeln habe, würden wir auf Twitter unter dem Hashtag #firstworldproblems diskutieren, denn in beiden Welten fehlt es mir – global betrachtet – an nichts Essentiellem. Es geht mir gut. Im Grunde bin ich privilegiert, so zwischen den Welten hin- und her wechseln zu können. Ich bin nur etwas genervt vom Kulturschock, den ich dabei erlebe.
Das darf man sich nun nicht so vorstellen, dass ich morgens erst die eine Welt betrete und dann, ein paar Stunden später, irgendwann in die andere wechsele. Tatsächlich sind es Parallelwelten in dem Sinne, dass ich mich gleichzeitig in beiden befinden kann. Es ist auch nicht so, dass ich die eine Welt besser finde und meine Unzufriedenheit damit zusammenhinge, dass ich gern mehr Zeit in der einen und dafür weniger Zeit in der anderen verbringen möchte. Nein, die Aufteilung ist schon ganz gut, so wie sie ist. Ich liebe beide Welten und möchte keine von ihnen missen.
Die eine Welt ist die, in der ich Menschen, Dinge und Gebäude anfassen, riechen und ansehen kann. Ich kann in dieser Welt frieren oder die Heizung aufdrehen, in Meetings oder zur Toilette gehen, mit der Katze auf der Couch kuscheln, mit dem Mann in der Küche Salat schnibbeln, mit Freunden zelten gehen, Yoga machen, ein Glas Wein zu viel trinken und Schnupfen haben. Das ist die Welt, die wir die Reale nennen. Dieses „real life“ mit der Hammergrafik (zumindest für alle Sehenden ohne Sehschwäche).
Die andere Welt gibt es noch nicht ganz so lange, aber sie hat viele neue Features zu bieten. Ich arbeite in und mit ihr, lerne dabei ständig neue Leute kennen, diskutiere mit ihnen, schaue Filme, höre Musik, lese Artikel, bestelle Kinokarten und Pizza – und wenn ich unterwegs bin sagt sie mir, wo meine Freunde gerade sind. Inzwischen ist es so, dass die neue Welt alle meiner realen Aktivitäten begleitet, ergänzt, erleichtert. Nennen wir sie die digitale Welt.
Zugegeben, diese begriffliche Unterscheidung in „reale“ und „digitale“ Welt ist nur bedingt sinnvoll. Schon weil die digitale Welt für mich und viele andere genauso greifbar und real ist, wie die eigentliche reale Welt. Außerdem haben, wie gesagt, auch in der realen Welt mittlerweile digitale, mobile Hilfsmittel Einzug gehalten, auf die ich nicht mehr verzichten mag. Ich werde dennoch weiter von der realen und der digitalen Welt sprechen, weil – und das ist schon ein Grund für meine Unzufriedenheit – weil die reale Welt dauernd einen auf dicke Hose macht und sich irgendwie realer, also überlegen wähnt. Sie sträubt sich, Neuerungen aus der digitalen Welt in sich aufzunehmen, kommt aber selbst dauernd über die Grenze gelaufen um auch in der digitalen Welt Dinge zu regeln, die sie nichts angehen. Es ist, als ob sie sagen wollte: „Ich war aber zuerst da!“ und mit dem Fuß aufstampft.
Das liegt sicher daran, dass die reale Welt tatsächlich etwas älter und erfahrener ist. Sie existiert schon unglaublich lange und unsere Gesetze, unser soziales Verhalten, unsere Werte und unsere Gewohnheiten als Gesellschaft sind in der realen Welt entstanden. Deswegen sprechen wir über die neue digitale Welt auch so gern in Metaphern aus der alten, realen Welt. Dann „surfen“ wir im Netz, wie auf den Wellen des Ozeans. Und wenn in der digitalen Welt mal wieder ein Shitstorm losbricht, ist das ein bisschen so, wie bei einem Wettersturm in der realen Welt, nur eben mit Scheiße und ganz viel Wind, statt mit Regen und ganz viel Wind.
Die digitale Welt funktioniert aber schon ganz gut, obwohl – oder vielleicht ja weil – sie noch so jung ist. Inzwischen gibt es die ersten Generationen in der sog. Ersten Welt, die mit der digitalen Welt aufgewachsen sind, sich eine reale Welt ohne digitale Welt also gar nicht mehr so richtig vorstellen können. Und das Schöne an der digitalen Welt ist, dass man dort eine ganze Menge Dinge tun kann, die in der realen Welt schwierig sind oder gar nicht gehen. Zum Beispiel kann man in der digitalen Welt auch als Ottonormalbürger sehr schnell eine ziemlich große Menge Menschen erreichen. Vor zwanzig Jahren hätte man eine Anzeige in einer Zeitung oder einen Werbespot im Fernsehen kaufen müssen, oder vielleicht an Laternenpfähle Flugblätter hängen, um so viele Menschen zu erreichen – und es wären immer noch nicht so viele so weit verstreute Menschen gewesen, wie man sie heute im Netz mit nur einem Tweet oder Blogpost erreichen kann.
Überhaupt kommt man im Netz an Leute ran, von denen man früher nur in den Medien gehört hätte: wichtige Politiker, Journalisten, Unternehmensgründer, Entscheider, Wissenschaftler, Schauspieler, Künstler, Schriftsteller und Leute in gänzlich anderen Lebenssituationen als man selbst. Mit denen kann man sich vernetzen – wenn die das auch wollen – und mit ihnen über das harte Brot der schreibenden Zunft, das BGE, den Wandel der Arbeitswelt, Bürgerbeteiligung, fehlende Kita-Plätze, den braunen Sumpf in Deutschland, Open Data, Netzkultur, Datenschutz, Bahnhofsprojekte, Juchtenkäfer, Mett, Atomkraftwerke und sogar so spannende Sachen wie die Genese ihrer Dissertation und ihrer Privatkredite zu sprechen. Am Ende eines ganz normalen Tages hat man auf diese Weise eine ganze Menge Themen durch und fühlt sich richtig gut informiert und auch wichtig (empowered!), weil man ja am Puls der Zeit mit wichtigen Akteuren über die wichtigen Dinge gesprochen und sich eingebracht hat.
Außerdem sind ganz viele beeindruckend visionäre, mutige Denker und Gesellschaftskritiker im Netz unterwegs. Die verabreden sich da, um gemeinsam Diktatoren und Regime zu stürzen oder auch nur, um überkommende, verknöcherte Strukturen aufzubrechen und was Neues anzufangen. Einige kennen sich mit Eichhörnchen gut aus und Orange tragen viele, aber überhaupt ist es im Netz sehr bunt, und das ist gut so.
In einer so bunten digitalen Welt gibt es natürlich auch ein paar Probleme, das will ich nicht verschweigen. Es gibt Bewohner der digitalen Welt, die sich darüber lustig machen, wenn die Offliner (so werden die Ureinwohner der realen Welt genannt) den Unterschied zwischen einer IP und einer Domain nicht kennen und nicht wissen, was zum Beispiel so ein Blogpost ist (Protipp: dieser Text ist einer). Dann rollen die im Netz mit den Augen und halten so komisch die Hände vor das Gesicht, aber man merkt genau, dass sie sich jetzt auf ihr Wissen was einbilden und selber einen auf dicke Hose machen. Sowas ist natürlich nicht fein. Es schreckt auch viele Offliner ab, öfter mal in die digitale Welt zu fahren, obwohl sie sich da gerne mal umschauen würden. Die digitale Welt ist da ein bisschen wie Frankreich, wenn man ehrlich ist – und jeder weiß, dass man nach Frankreich guten Gewissens erst fahren darf, wenn man ein mehrjähriges Französischstudium absolviert hat. Aber weil sich die digitale Welt schneller verändert, als das reale Frankreich, gehört das sicherlich bald der Vergangenheit an. Es hat sich schon ziemlich weit herumgesprochen, dass alle Besucher der digitalen Welt – auch diejenigen, die sich für die Technik dahinter nicht interessieren – ein Recht darauf haben, die digitale Welt so Verbraucher- und Nutzerfreundlich erklärt zu bekommen, dass sie vor den Risiken aus und in der digitalen Welt geschützt sind. Es wäre am Ende gut möglich, dass die digitale Welt das schneller begreift und umsetzt, als die Reale, die ja immerhin einige Jahrhunderte Zeit hatte.
Nun gibt es also diese zwei Welten schon eine ganze Weile. Beide sind toll. Aber das Zusammenwachsen der beiden geht auch nicht ganz reibungslos vonstatten. Die reale Welt meint, sie kenne den Menschen an sich besser und verweist auf ihre umfangreichen Erfahrungen. Die digitale Welt hüpft herum wie ein Teenager, sagt laut „Orrrr!“, fordert Transparenz und Authentizität und hinterfragt alles. Mittendrin gibt es so Leute wie mich, die sich in beiden Welten heimisch fühlen und gelegentlich den Kopf schütteln. Im Netz erzählen wir dann den allzu naiven Übermütigen gerne, dass alleine der Wechsel des Mediums eben nicht bestehende soziale Unterschiede und gesellschaftliche Strukturen sofort automatisch auflöst und alle Menschen gemeinsam fucking empowered, Hand in Hand Kumbayah-singend ins neue digitale Jahrtausend aufbrechen. Und in der realen Welt sitzen wir mit einem Kopf, der voll ist mit visionärem Denken und allen möglichen Utopien aus der Netzwelt, der sich aber immer wieder heftig zur Tischplatte neigt, weil in der realen Welt ein Kulturschock den nächsten jagt. Ein einziges Vorstellungsgespräch in der realen Arbeitswelt und man ahnt, wie viele Nischen in Raum und Zeit konserviert vor sich hin dämmern, äh, existieren. Flache Hierarchien, kollaborative Teamstrukturen und Work-Life-Balance bleiben Lippenbekenntnisse, Nachhaltigkeit ein Effizienzbegriff, Sabaticals ein Fremdwort. Mit Verlaub, so hört man, man muss ja nicht jeden neumodischen Schnickschnack aus den USA mitmachen, wir sind ein seriöses dt. Unternehmen (was übersetzt heißt: „Bei uns wacht noch die Vorzimmerdame über das E-Mail-Konto des Chefs, im Firmennetz ist die private Internetnutzung verboten, aber wir halten die USA weiterhin für die Leitkultur.“)
Ja, ich weiß, für all diese Dinge kann die digitale Welt genauso wenig, wie die Reale. Bestimmt liegt es an mir. Bestimmt bin ich nur ein weiteres Opfer der Filterbubble: sich dauernd mit Gleichgesinnten umgeben und dann erstaunt sein, wenn man auf konservative Andersdenkende aus dem letzten Jahrtausend stößt. Das fühlt sich an, als wäre ich ein ewiger Teenager geblieben: bereit, alles zu hinterfragen, auszuprobieren, anzugehen und ggf. auch an mir selbst zu ändern, aber umgeben von Erwachsenen, die zur Vorsicht mahnen und von Sachzwängen sprechen, selbst wenn bisherige Strukturen und Systeme gerade global und episch kollabieren. Das ungläubige Kopfschütteln gilt dennoch allzu oft mir und meiner unglaublichen Naivität.
Dabei bin ich alles andere als ein Teenager und auch nicht dem Jugendwahn verfallen. Ich kann auf sechzehn Jahre Berufsleben zurück blicken. Ich bin kein sozial-verarmter Vollnerdgamer, der dauernd nur in irgendwelche Geräte starrt und ohne seine Tools und Gadgets (oder gar bei leerem Akku – wahh!) völlig aufgeschmissen ist. Ich bin im Grunde sogar eine später Zugezogene, denn mein erstes richtiges Smartphone bekam ich erst 2010. Aber die digitale Welt steht mir seit etwa 1998 zur Verfügung und ich habe mich von Anfang an darin umgesehen, in ihr gearbeitet und Spaß gehabt. Die Ideen und Kontakte, mit denen sie mich versorgt hat, haben meine Weltsicht entscheidend geprägt – und machen ein Leben in der alten realen Welt immer schwieriger. Ich bin zunehmend genervt von der Tatsache, dass die Versprechen und Hoffnungen der digitalen Welt so mühsam und langsam in meiner realen Welt Wurzeln schlagen. Ich spüre, wie ich ungeduldiger werde und die täglichen Kulturschocks nicht mehr ganz so gleichmütig hinnehme, wie noch vor einigen Jahren. Und das, obwohl ich im Grunde weiß, dass wir den Wandel nur mit den Menschen gestalten können, die jetzt hier sind. Andere gibt es nicht.
Samstag, 3. Dezember 2011
10 Aktivitäten, die der geistigen Entwicklung dienlicher und unterhaltsamer sind, als "In Time"
[Keine Sorge, dieser Text ist frei von Spoilern]
Je anspruchsvoller die Grundidee zu einem Film, desto flacher die Geschichte. Und je lauer die Geschichte, desto durchgestylter der Style. Galt diese Regel eigentlich immer schon, oder erst für den zeitgenössischen Film, oder nur für Hollywood-Streifen, oder nur für das Genre Science Fiction? Es nervt jedenfalls ungemein. Im Grunde hat Genevieve Valentine in ihrem hervorragenden und äußerst unterhaltsamen engl. Review 10 Things You Should Know About "In Time" auch schon alles gesagt. Dem ist nichts hinzuzufügen. Auch sie kann sich kaum vorstellen, dass ein Regisseur wie Andrew Niccol am Ende dieses Projekts die Hände gerieben, "Fertig, gute Arbeit!" gerufen und mit einem Gefühl von kreativer Zufriedenheit nach Hause gegangen ist.
Man muss schon große Angst vor einem finanziellen Desaster oder dem bräsigen Durchschnitts-Kinogänger haben, um einen so dermaßen ausgelutschten Poor-Guy-Rich-Girl-Plot mit einer so unsäglich uninspirierten Heist-Entführungs-Story zu verfeinern. Der Film ist storyseitig völlig frei von ambitionierten Ideen. Wer seinen eingebauten Klischeealarm nicht in den ersten Minuten deaktiviert, um sich apathisch-sabbernd dem visuellen Spektakel hingeben zu können, der wird an dem Film gar keine Freude haben. Ich habe schon Pixie-Hefte gelesen, deren Geschichten spannendere und mutigere Wendungen zu bieten hatten, als "In Time". Wir bewegen uns hier auf Rosamunde Pilcher Niveau und kein Jota darüber.
Und falls das alles noch nicht reicht, um enttäuscht zu sein, kommen noch elefantöse Flaws dazu (die Genevieve Valentine auch alle fein säuberlich zerfetzt). Dass der Film den Bechdel-Test nicht besteht und überhaupt ein Schlag ins Gesicht aller weiblichen Wesen auf diesem Planeten ist - geschenkt. Was hätte man aus dieser Gänsehaut verursachenden Grundidee nicht alles machen können, wenn sich ein ambitionierter und mutiger Indy-Drehbuchautor daran gesetzt hätte?
Merkt man, dass ich enttäuscht bin? Gut. An dieser Stelle daher eine Liste der
10 Aktivitäten, die der geistigen Entwicklung dienlicher und unterhaltsamer sind, als "In Time":
Trailer (English)
Trailer (Deutsch)
Tipp 1: 10 Things You Should Know About "In Time" - engl. Review von Genevieve Valentine [3. November 2011]
Tipp 2: In Time - engl. Review von Roger Ebert [26. Oktober 2011]
Je anspruchsvoller die Grundidee zu einem Film, desto flacher die Geschichte. Und je lauer die Geschichte, desto durchgestylter der Style. Galt diese Regel eigentlich immer schon, oder erst für den zeitgenössischen Film, oder nur für Hollywood-Streifen, oder nur für das Genre Science Fiction? Es nervt jedenfalls ungemein. Im Grunde hat Genevieve Valentine in ihrem hervorragenden und äußerst unterhaltsamen engl. Review 10 Things You Should Know About "In Time" auch schon alles gesagt. Dem ist nichts hinzuzufügen. Auch sie kann sich kaum vorstellen, dass ein Regisseur wie Andrew Niccol am Ende dieses Projekts die Hände gerieben, "Fertig, gute Arbeit!" gerufen und mit einem Gefühl von kreativer Zufriedenheit nach Hause gegangen ist.
Man muss schon große Angst vor einem finanziellen Desaster oder dem bräsigen Durchschnitts-Kinogänger haben, um einen so dermaßen ausgelutschten Poor-Guy-Rich-Girl-Plot mit einer so unsäglich uninspirierten Heist-Entführungs-Story zu verfeinern. Der Film ist storyseitig völlig frei von ambitionierten Ideen. Wer seinen eingebauten Klischeealarm nicht in den ersten Minuten deaktiviert, um sich apathisch-sabbernd dem visuellen Spektakel hingeben zu können, der wird an dem Film gar keine Freude haben. Ich habe schon Pixie-Hefte gelesen, deren Geschichten spannendere und mutigere Wendungen zu bieten hatten, als "In Time". Wir bewegen uns hier auf Rosamunde Pilcher Niveau und kein Jota darüber.
Und falls das alles noch nicht reicht, um enttäuscht zu sein, kommen noch elefantöse Flaws dazu (die Genevieve Valentine auch alle fein säuberlich zerfetzt). Dass der Film den Bechdel-Test nicht besteht und überhaupt ein Schlag ins Gesicht aller weiblichen Wesen auf diesem Planeten ist - geschenkt. Was hätte man aus dieser Gänsehaut verursachenden Grundidee nicht alles machen können, wenn sich ein ambitionierter und mutiger Indy-Drehbuchautor daran gesetzt hätte?
Merkt man, dass ich enttäuscht bin? Gut. An dieser Stelle daher eine Liste der
10 Aktivitäten, die der geistigen Entwicklung dienlicher und unterhaltsamer sind, als "In Time":
- bei Regen laufen gehen
- den Hashtags #bpt112 oder #ows auf Twitter folgen
- Nichtstun
- Anti-Guttenberg-Tiraden in die Interwebz blasen
- auf fyvm herumstöbern
- Mama anrufen
- über das neue Youtube-Design lästern
- richtige SciFi-Bücher lesen, z.B. von Lem, LeGuin oder Asimov
- Konto auf joindiaspora.org anlegen
- erwähnte ich Nichtstun?
Trailer (English)
Trailer (Deutsch)
Tipp 1: 10 Things You Should Know About "In Time" - engl. Review von Genevieve Valentine [3. November 2011]
Tipp 2: In Time - engl. Review von Roger Ebert [26. Oktober 2011]
Abgeguckt
Was für ein arroganter Schnösel. Liegt da gemütlich auf der Sonnenseite des Esstisches und ignoriert sogar Menschen. Jetzt kommt es darauf an. Erstens, wie schnell wir den Esstisch brauchen. Zweitens, ob wir uns in einer eher norddeutsch-platten oder manipulativen Grundstimmung befinden. Von diesen zwei Faktoren hängt ab, ob das Mittel unserer Wahl der – selbstbewusst vorgetragene (!) – eindeutige Befehl* oder ein fieses Futterlockmittel ist. Aber halten wir fest: Desinteresse ausdrücken kann er gut. Unser Kater ist eben eine coole Sau.
Was ihn nicht hindert, sich immer wieder auch den unwürdigsten, sinnlosesten und lächerlichsten Impulsen hinzugeben und sich dabei ohne jede Angst vor Imageverlust zum Dödel zu machen. Selber Kater, selber Esstisch, selbe Sonne: Nur dieses Mal sitze ich mit am Tisch und schreibe. Und ich bewege einen meiner Füße unter’m Tisch. Er horcht auf. Es ist ganz harmlos, ich habe nur einen Schuh verloren und versuche wieder reinzuschlüpfen. Aber der Kater steht – ohne sich zu strecken – auf, geht in Hab-Acht-Stellung und schleicht langsam und lautlos zur Tischkante, bereit, der Killermaus unter’m Tisch zu zeigen, wo der Hammer hängt. Selbst als er sieht, dass da außer meinen Füßen und Schuhen nichts, aber auch gar nichts ist, lässt seine Aufmerksamkeit nicht nach. Stundenlang kann er sich mit dem Objekt seines Interesses beschäftigen, ob es nun ein Schuh, eine Fluse oder ein Blatt ist. Ich sage: „Jetzt sei nicht albern, ist doch nur [Schuh / Fluse / Blatt...].“ Aber für ihn ist es das allerwichtigste Objekt von Welt wo gibt.
Erfrischend ehrlich, oder? Und energiesparend noch dazu. Ich mach das ab jetzt genauso. Kann ja nicht so schwer sein, Menschen zu ignorieren – zumal, wenn man sich gerade auf der Couch zusammengerollt, äh, ausgestreckt hat und entspannt. Da müssen eben Prioritäten gesetzt werden. Und bei meiner nächsten Fluse, äh, Verzeihung, beim nächsten Projekt, da soll mir mal einer damit kommen, dass das doch nur ein alberner Schuh sei.
* Im Ernst, das mit dem klaren, eindeutigen Befehl funktioniert auch bei Katzen, wenn man sie von kleinauf daran gewöhnt hat.
Donnerstag, 24. November 2011
Vom Umgang mit Arschlöchern
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| Foto: "Butt!" by ilmungo /flickr |
Pflicht: Leute mies behandeln, die nix für uns tun können. Kür: selbst die Arschlöcher erlesen behandeln, wenn sie viel für uns tun können.Ist natürlich ein missglückter Ironieversuch. Danke für die Beileidsbekundungen, ich arbeite daran. Nun aber zum Inhalt. Dass man den Charakter eines Menschen daran ermessen kann, wie er mit Menschen umgeht, die nichts für ihn tun können, hat sich herumgesprochen. Aber andersherum? Was, wenn andere eine ganze Menge für uns tun könnten, aber Arschlöcher sind? Denken wir uns einen Vorgesetzten, den wir absolut nicht verknusen können, aber er könnte uns beim Aufstieg innerhalb der Firma einige Steigbügel hinhexen. Oder denken wir uns einen total fiktiven Fallberater bei einer total fiktiven Agentur für Arbeit, dessen Überheblichkeit uns die Faust im Hoodie ballen lässt, aber er hat die Macht unseren Antrag durchzuwinken, oder eben nicht. Als letztes Beispiel, immer wieder gern genommen, der politische Gegner auf der von uns aus gesehen dunklen Seite der Parteienlagerlinie (oder schlimmer noch: im eigenen Lager!), mit dem zusammen wir ein wichtiges Gesetz durchbringen könnten, aber uns schwillt leider schon der Kamm, wenn er nur im gleichen Raum ist, weil wir sein Welt- und Menschenbild partout nicht teilen.
Wie umgehen mit jenen, die man nicht leiden kann, die aber wichtig für eigene Ziele sind? Integer wäre, sie wie die Arschlöcher zu behandeln, für die man sie hält. Nur nichts von ihnen annehmen, alles andere wäre Selbstbetrug. Nein danke, nicht von dir, nicht mir dir, nicht zu diesem Preis.
Aber jeder ist mal ein Arschloch für irgendwen. Auch wir selbst.
Leider kann man mit dem Erreichen eigener Ziele auch nicht immer warten, bis nur sympathische Gleichgesinnte um einen sind. Also doch im Sinne der Sache zu Arschlöchern freundlich sein? Auch auf die Gefahr, dass man für korrupt gehalten wird? Verkauft man damit automatisch seine Ideale oder seine Seele?
Ich habe keine Antwort. In jedem Einzelfall ringe ich wieder und wieder mit mir, was nun richtig wäre. Aber eins habe ich begriffen: auch Arschlöcher können freundlich und kooperativ werden, wenn man dem Impuls widersteht, sie wie Arschlöcher zu behandeln. Oder habt ihr noch nie einer genervten Kassiererin ein Lächeln geschenkt, statt ihr Meckern zu erwidern?
Auch wenn es uns stinkt: Manchmal stehen wir auf den Schultern von Riesen, die Arschlöcher sind.
Samstag, 19. November 2011
Freitag, 18. November 2011
Plan B für true fiction aka Slow Learner
Margaret Atwood schrieb „Die essbare Frau“ 1965 und schickte das Manuskript an einen Verleger, der es prompt verlegte. Als sie über ein Jahr später nachfragte, fand er es wieder und verlegte es schließlich doch noch. Das war 1969. Der Roman über die Ich-Erzählerin Marian, die angesichts ihrer drohenden Eheschließung erst den Appetit und dann beinahe sich selbst verliert, entstand also zu einer Zeit, als in Deutschland noch der Kuppeleiparagraph galt. Zwanzig Jahre später sagte die Autorin:
In Wahrheit entfernt sich jede Generation im Laufe ihres Lebens vielleicht ein µ von der vorherigen. Im eigenen kleinen Leben denkt man wunder was man da für Strecken zurück gelegt hätte und schüttelt den Kopf über die Älteren, aber beim Herauszoomen wird klar: Nee, das war jetzt so dolle nicht. Wie beim Bergsteigen. Da läuft einer voran und wirkt meilenweit entfernt, aber schon bei seiner nächsten Verschnaufpause wird er eingeholt. Ein rein perspektivisches Phänomen, ein paar neue Gadgets und Tools, mehr nicht. Und wer weiß, wozu es gut ist, dass wir Menschen generationsübergreifend betrachtet solche Slow Learner sind?
Zum Vergleich einmal heute (bzw. 2010):
und vor zwanzig Jahren (1992):
Johnny Haeusler (@spreeblick): Angela Merkel und ich im TV
„Es wäre ein Irrtum, anzunehmen, alles hätte sich geändert. Tatsächlich wirkt der Ton des Buches heute zeitgemäßer als damals, sagen wir 1971, als geglaubt wurde, die Gesellschaft könne sich ein gut Teil schneller verändern, als es heute möglich erscheint.“ [Vorwort zur dt. Ausgabe, Aufbau Verlag, 1989]Und heute, fast fünfzig Jahre nach Entstehung des Romans? Wenn Oma nach dem dritten Cognac alte Vertriebenen- oder Nachkriegsgeschichten erzählt, haben wir vielleicht das Gefühl, meilenweit von dieser Zeit entfernt in einer anderen Welt zu leben. Der Kuppeleiparagraph ist Geschichte. Dafür sind wir allesamt ins Netz eingezogen und immer so dermaßen on, dass Offline-Sein auf einen technischen Totalausfall oder eine bewusste Auszeit hinweist. Aber was uns technologisch gesehen wie der große Konvergenzwurf vorkommen mag, hat in unseren Institutionen, unserem Denken und unserem Sozialverhalten bisher kaum etwas verändert. Post-gender my ass, wer einmal seinen üblichen Dunstkreis von Gleichaltrigen und Gleichgesinnten verlassen hat, weiß das auch. Dafür muss man nicht einmal das Land verlassen.
In Wahrheit entfernt sich jede Generation im Laufe ihres Lebens vielleicht ein µ von der vorherigen. Im eigenen kleinen Leben denkt man wunder was man da für Strecken zurück gelegt hätte und schüttelt den Kopf über die Älteren, aber beim Herauszoomen wird klar: Nee, das war jetzt so dolle nicht. Wie beim Bergsteigen. Da läuft einer voran und wirkt meilenweit entfernt, aber schon bei seiner nächsten Verschnaufpause wird er eingeholt. Ein rein perspektivisches Phänomen, ein paar neue Gadgets und Tools, mehr nicht. Und wer weiß, wozu es gut ist, dass wir Menschen generationsübergreifend betrachtet solche Slow Learner sind?
Zum Vergleich einmal heute (bzw. 2010):
und vor zwanzig Jahren (1992):
Johnny Haeusler (@spreeblick): Angela Merkel und ich im TV
Mittwoch, 16. November 2011
Sie hätten nicht reingebissen
Da sitzt du dann, mittendrin. Stimmengewirr um dich herum und eine der Stimmen fragt, ob’s noch ein Espresso sein darf. Du schüttelst den Kopf und die Musik spielt dazu. Big girls don’t cry. Das Jetzt klebt wie eine zu kleine Plastikhaube auf deinem zu großen Ich, als ob man das ganze Leben dort hinein gepfropft hätte, zusammen mit all den anderen und den Geräuschen, Gerüchen und der ganzen Playmobil-Zivilisation, von der dir übel wird. Jetzt, wo du hier sitzt, kommt es dir vor, als sei das alles viel zu eng, um darin zu leben. Du denkst das auch, genau in dem Moment: „Darin kann man nicht leben“ und nickst dazu, weil sonst keiner hier ist, der dir zustimmen könnte. Nein, das kann man nicht. Deine Augenbrauen ziehen sich zusammen, als ob es später wieder Kopfschmerzen geben könnte. Und alles nur, weil jemand gestorben ist. Sonst, ja, sonst wäre es hier nicht laut und lärmend, sondern belebt. Nicht überladen mit Parfüm- und Pizzagerüchen, sondern lecker. Nicht playmobilartig, sondern warm und menschelnd.
Keiner wird verstehen, warum du einfach gegangen bist. Du kannst es dir selbst nicht erklären, aber es war wichtig sich dem dort zu entziehen und sich stattdessen dem hier – ja, auch diesem Playmobillachen in Coral Red da hinten - auszusetzen. Hier kennt dich wenigstens niemand, das ist besser so. Obwohl dich auch hier der Ekel anfällt vor all dem Leben, das gar keines ist und sich dessen noch nicht einmal bewusst ist. Sie vollführen alle Handgriffe des Lebens und spüren nichts davon. Womit du nicht gedacht haben willst, dass man sich nur im Angesicht des Todes lebendig fühlen kann. Das wäre albern. Als ob es extreme Gegensätze bräuchte, um das Gebiet dazwischen zu kartographieren. Blödsinn. Es bedürfte lediglich eines kleinen Momentes, in dem das Bewusstsein sich über das Dasein erhebt, in die Hände klatscht oder deinetwegen auch auf den Fingern pfeift und sagt „Ey, das hier ist Leben.“ Aber vor lauter Getue kommt es gar nicht dazu. Es ist vollkommen im Einsatz, all die Formalien des am Leben seins am Laufen zu halten. Augenkontakt nicht zu lang halten, aber auch nicht sofort angewidert wegschauen. Nicht den Mund offen stehen lassen. Haltung aufrecht, bloß nicht öffentlich in sich zusammensacken und mit den Schultern zucken. Das gehört sich nicht. Und weghören, bloß immer schnell weghören oder zumindest nicht sichtbar auf das Gehörte reagieren.
Halten diese Menschen tatsächlich die grellen Farbfotos auf der Plastikspeisekarte für appetitlich, oder auch nur realistisch? Hat jemals einer von ihnen auf einem echten Bruscheta diese Rot-, Orange- und Gelbtöne erblickt? Natürlich nicht. Und falls doch, sie hätten nicht reingebissen. Draußen stürmt es und hier drinnen ist nur in dir Ruhe. Deine Lippen formen ein „Danke, Oma“ und erst jetzt bist du bereit für deinen Espresso.
Keiner wird verstehen, warum du einfach gegangen bist. Du kannst es dir selbst nicht erklären, aber es war wichtig sich dem dort zu entziehen und sich stattdessen dem hier – ja, auch diesem Playmobillachen in Coral Red da hinten - auszusetzen. Hier kennt dich wenigstens niemand, das ist besser so. Obwohl dich auch hier der Ekel anfällt vor all dem Leben, das gar keines ist und sich dessen noch nicht einmal bewusst ist. Sie vollführen alle Handgriffe des Lebens und spüren nichts davon. Womit du nicht gedacht haben willst, dass man sich nur im Angesicht des Todes lebendig fühlen kann. Das wäre albern. Als ob es extreme Gegensätze bräuchte, um das Gebiet dazwischen zu kartographieren. Blödsinn. Es bedürfte lediglich eines kleinen Momentes, in dem das Bewusstsein sich über das Dasein erhebt, in die Hände klatscht oder deinetwegen auch auf den Fingern pfeift und sagt „Ey, das hier ist Leben.“ Aber vor lauter Getue kommt es gar nicht dazu. Es ist vollkommen im Einsatz, all die Formalien des am Leben seins am Laufen zu halten. Augenkontakt nicht zu lang halten, aber auch nicht sofort angewidert wegschauen. Nicht den Mund offen stehen lassen. Haltung aufrecht, bloß nicht öffentlich in sich zusammensacken und mit den Schultern zucken. Das gehört sich nicht. Und weghören, bloß immer schnell weghören oder zumindest nicht sichtbar auf das Gehörte reagieren.
Halten diese Menschen tatsächlich die grellen Farbfotos auf der Plastikspeisekarte für appetitlich, oder auch nur realistisch? Hat jemals einer von ihnen auf einem echten Bruscheta diese Rot-, Orange- und Gelbtöne erblickt? Natürlich nicht. Und falls doch, sie hätten nicht reingebissen. Draußen stürmt es und hier drinnen ist nur in dir Ruhe. Deine Lippen formen ein „Danke, Oma“ und erst jetzt bist du bereit für deinen Espresso.
Donnerstag, 13. Oktober 2011
Konflikte, Kämpfe und Kinderkram
Alle sagen es. Sie werden nicht müde, es immer und immer wieder festzustellen. Im Schreibratgeberbüchlein steht:
Und dann lese ich, ausgerechnet in einem Newsletter für Veränderungsmanager (also in einem Wirtschaftskontext), folgende Sätze und freue mich diebisch:
Eine Geschichte, der der Konflikt fehlt, ist keine Geschichte.auf Twitter liest man
Resolution is your enemy, conflict is your friend.und nicht ohne Grund ist
Wer kämpft, kann verlieren. Wer nicht kämpft, hat schon verloren.ein berühmtes Zitat. Ich glaube, von Bertold Brecht.
Und dann lese ich, ausgerechnet in einem Newsletter für Veränderungsmanager (also in einem Wirtschaftskontext), folgende Sätze und freue mich diebisch:
Der gerechte Kampf der "Guten" gegen die "Bösen" durchzieht in einem beängstigenden Ausmaß unser gesamtes Denken: Unsere Märchen und Sagen ebenso wie Medien, Politik und unbemerkt oft auch unseren Alltag. Dieses archaische Denkschema wird spätestens dann fatal, wenn es auch das Design von Change-Prozessen bestimmt. [Change Management Update 2011-10, http://www.umsetzungsberatung.eu]
Donnerstag, 22. September 2011
Denkfolgenabschätzung
Eine neue Grenze ziehen ist nichts Schlimmes. Wer sich von etwas abgrenzt, der weiß hinterher genauer, wo er steht. So entsteht ein neues Land, eine neue Partei, ein neues Wort – das sind Diversifikationen. Sie machen die Welt ein bisschen bunter, auch wenn wir dabei oft nur etwas in Teile zerlegen, das uns bislang als Einheit erschien. Vielleicht haben wir beim Heranzoomen Feinheiten erkannt, die uns bisher gar nicht aufgefallen waren („Das können wir nicht in einen Topf werfen!"). Wer eine neue Grenze zieht, trennt bisher Verbundenes, verkleinert Einheiten und vergrößert dabei Vielfalt.
Grenzen niederreißen ist auch nichts Schlimmes. Bestehende Grenzen durchlässiger machen oder ganz auflösen, das bedeutet je nach Blickwinkel Integration oder Inklusion („Das gehört doch auch mit dazu!“). Falls wir die bestehenden Grenzen fraglich, ambivalent oder irrelevant finden, benutzen wir gern Begriffe wie Ganzheitlichkeit, Holistik, Trans- oder Interdisziplinarität und machen beim Herauszoomen ganz große Schritte („Das lässt sich nur aus der Distanz beurteilen!“). Wer eine Grenze einreißt, verbindet bisher Getrenntes, vergrößert Einheiten und verkleinert dabei Vielfalt.
Die Menschheitsgeschichte ist voll von Geschichten über das Finden, Ziehen und Einreißen von Grenzen. Menschen lieben Grenzen. Die einen ziehen welche, die anderen überschreiten sie.
Manche können beides.
Irgendwer hat zum Beispiel den Hybridmotor erfunden, indem er eine neue Grenze im Motor zog und dadurch die Vielfalt verfügbarer Antriebsarten für so ein Auto mal eben verdoppelte. Gleichzeitig hat dieser jemand eine bis dahin bestehende Grenze überschritten, die besagte, dass jeweils nur ein Motor in jedes Auto passt. Damals, als die Antriebsfrage für ein neues Automobil eine absolute Entweder-Oder-Angelegenheit war, war das Neuland. Möglich war das nur, weil sich ein Mensch erstmals vorstellen konnte, zwei bisher sauber getrennte Dinge zu kombinieren.
Das fällt manchen Menschen im Alltag schwer. Sie sagen dann zum Beispiel
„Jeder ist seines Glückes Schmied. Wer sich redlich bemüht und hart arbeitet der kann alles erreichen.“
woraufhin ein anderer ganz sicher schnell einwirft
„Blödsinn, die sind doch nicht alle selber Schuld. Wir müssen was gegen die soziale Ungerechtigkeit in diesem Land unternehmen!“
Ganz ähnlich verlief neulich die Diskussion in einem Blog über die jüngsten Ausschreitungen in London.
Jemand sagte:
[...] this is not the work of people who are heard, this is the work of people who are unheard, a last cry, a chance to be heard, to air their grievances. This is a situation of gross disparity between have and have not, rich and poor [...] (Quelle: antiintellect, Penny Red: Panic on the streets of London, 09.08.2011)
woraufhin jemand anderes sagte:
[...] see this for what it really is! Fed up with naive people dismissing wanton destruction and thuggery as some "expression of civil disobedience". WAKE UP, PEOPLE... THEY'RE LUNATICS, NOT REVOLUTIONARIES! (Quelle: SJS, Penny Red: Panic on the streets of London, 09.08.2011)
Je länger solche Diskussionen andauern, desto mehr verhärten sich die Fronten, denn solche Entweder-Oder-Grenzen vereinfachen vieles. Im Idealfall steht auf der einen Seite die Wahrheit (bzw. das Erwünschte) und auf der anderen Seite Unfug (das Unerwünschte). Das erleichtert das Verstehen und das Beharren.
Bis dann jemand mit Hybridtechnologie im Kopf daher kommt und sagt:
I realise that it is a difficult and complex truth but people can be both products of their environment AND make choices about their lives. [...] (Quelle: mryashin, Penny Red: Panic on the streets of London, 09.08.2011)
Falls das stimmt, könnte man sich den ganzen Streit schenken. Wir könnten dann direkt anfangen den Menschen, die beim Schmieden ihres Glücks noch Unterstützung brauchen, zu helfen, und uns parallel schon mal dafür einsetzen, dass bestehende soziale Ungerechtigkeiten bald der Vergangenheit angehören.
Ist aber unwahrscheinlich. Viel wahrscheinlicher ist, dass der Hybridtechnologieinhaber sich anhören muss, diese sich gegenseitig ausschließenden Sichtweisen könne nur ein einfältiger, die Folgen nicht abschätzender und unlogisch denkender Geist zusammenwürfeln.
Ich aber befürchte: Nur ein mit Ideologien zugekleisterter Geist bringt es nicht mehr fertig, die Grenze zwischen diesen beiden Tatsachen aufzulösen. Vielleicht auch einfach einer, der sich im Rahmen einer Diskussion oder gesellschaftlichen Position zu früh auf eine der verfügbar erscheinenden Seiten geschlagen hat und dort nun unflexibel hocken bleibt.
In jedem Fall ein Geist, der sich bei Gelegenheit mal fragen sollte, in welch engen Grenzen er zu denken versucht – und ob das wirklich noch Denken ist.
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