Dienstag, 3. Februar 2009

Zitat des Tages: Benjamin Button

"For what it's worth: it's never too late or, in my case, too early to be whoever you want to be. There's no time limit, stop whenever you want. You can change or stay the same, there are no rules to this thing. We can make the best or the worst of it. I hope you make the best of it. And I hope you see things that startle you. I hope you feel things you never felt before. I hope you meet people with a different point of view. I hope you live a life you're proud of. If you find that you're not, I hope you have the strength to start all over again."

Aus dem Film: 'The curious case of Benjamin Button' mit Brad Pitt und Cate Blanchett (2009). Der Film basiert auf einer Kurzgeschichte von F. Scott Fitzgerald, die man hier im Netz lesen kann.

Die Szene aus der das Zitat stammt ist wohl eine der schönsten Filmszenen überhaupt:



Und hier der Trailer:

Montag, 2. Februar 2009

Arbeitswert

Es ist schon seltsam, wie ein Gegenstand gleichsam von seiner wahren Bedeutung befreit und im selben Atemzug mit einer neuen Wertigkeit überzogen wird, bis man schließlich den eigentlichen Gegenstand in seiner Verfremdung gar nicht mehr so recht erkennen kann.

Oder woran denken Sie, wenn Sie an Arbeit denken? Ich habe sofort die Stimme von Ulrike Schramm-de Robertis im Ohr, mit der sie gestern bei Anne Will sagte, „Arbeit sei das höchste Gut.“ Sie möge mir verzeihen, wenn ich sie in diesem Sinne zitiere, doch sie befindet sich in bester Gesellschaft mit all den Politikern und Gewerkschaftsfunktionären, die sich seit Jahrzehnten der bedingungslosen Bewahrung und Erschaffung von Arbeitsplätzen verschrieben haben – koste es, was es wolle. Die Bewegung zum Schutze der gefährdeten Arbeitsplätze ist sogar so erfolgreich, dass inzwischen die Wirtschaft auf den Zug aufgesprungen ist und einmündig bekundet, auch den Unternehmen sei es nur darum zu tun, Arbeitsplätze zu sichern. Darum benötigen sie in der aktuellen Finanzkrise ja auch die Hilfe der Politik und finanzielle Unterstützung, denn sie wären ja sonst ganz gegen ihren Willen gezwungen kostbare Arbeitsplätze zu vernichten.

Überhaupt verdanken wir der Finanzkrise wunderschöne neue Denkansätze. Neulich erst gab in einer der vielen gleichförmigen Politik-Talkshows im Fernsehen ein Bankier zu bedenken, wir mögen doch bei aller berechtigten Kritik an den Banken und Finanzmärkten nicht vergessen, dass Deutschland als Exportland quasi auf die Geldvermehrung durch die Banken angewiesen sei. Seiner Logik nach war das in etwa so: jemand muss im Ausland dafür sorgen, dass genügend Geld vorhanden ist, um deutsche Produkte zu importieren und sich leisten zu können. Unsere Wirtschaft profitiere daher von aufgeblähten Geldmärkten, also von den Aktivitäten der Banken – und dies schütze die kostbaren Inlandsarbeitsplätze. Wir müssen demnach dankbar sein für die Geldvermehrung.

Man kann also schlussfolgern, dass die gesellschaftliche Bedeutung von Arbeitsplätzen heute jedem hinlänglich bekannt ist und alles zu ihrem Schutz getan wird. Wie bedauerlich nur, dass dabei die Arbeit selbst immer unerfreulicher und bedeutungsloser wird. Meine Mutter war vor ihrer Rente Altenpflegerin und stellte über die Jahre mit Bedauern fest, dass jeder Handgriff in ein enges Zeit- und Kostenkorsett gezwungen wurde, bis aus dem pflegenden Dienst am Nächsten eine lieblos zerstückelte Aneinanderreihung von gehetzten Handgriffen wurde. Gerade im Gesundheitswesen wird deutlich, wie die zunehmende Rationalisierung und Ökonomisierung dazu führt, dass betroffene Ärzte, Krankenschwestern und Pfleger zunehmend nur „der Hüfte“ oder „dem Blinddarm“ begegnen, der Mensch als Individuum dabei aus dem Blick gerät. In den Schulen gibt es ähnliches zu beklagen. Dort wird seit Jahrzehnten darüber diskutiert, ob man nun Elitenförderung oder integrative Gemeinschaftsschulen benötigt, ob praktisch ausgerichtete, berufsvorbereitend-stringente und teure Bildungsgänge besser seien, als eine kostenfreie, langjährige und selbst bestimmte Geistesbildung. Während die so geführte ideologische Diskussion sich in ihrem Entweder-Oder-Denken stetig ziellos umkreist - ohne zu erkennen, dass jeweils beides seinen Platz haben muss - unterrichten weiterhin unzufriedene, erschöpfte Lehrer unter unerträglichen Bedingungen viel zu große Klassen und strömen weiterhin jedes Jahr tausende unvermittelbare Schulabgänger auf die Straßen.

Vom eigentlichen Wert der Arbeit als einem sinnstiftenden, erfüllenden Tun, durch das der Mensch seine Talente und Fähigkeiten zum eigenen und gesellschaftlichen Wohle einbringt, ist unter diesen Umständen nicht mehr viel zu spüren. KPIs und die Forderung nach krebsartigem Wirtschaftswachstum verstellen den Blick dafür, dass Arbeit ursprünglich etwas zutiefst menschliches und geradezu unökonomisches ist. Durch Arbeit könnte der Mensch erfahren, wer er ist, was er leisten kann, wofür seine Fähigkeiten eingesetzt werden können, was ihn ausmacht – wenn er nicht durch stetig steigenden ökonomischen Druck zu einer anderen Sichtweise auf die Arbeit verleitet würde. Wir behandeln uns ja schon selbst wie Maschinen und übertreffen einander mit blutlosen Überlegungen dazu, wie man den Menschen zu immer mehr Leistung motivieren könne. Eines ist gewiss: durch Kritik an seinen Fähigkeiten und mehr Druck gelingt es nicht, denn der menschliche Leistungswille lässt sich nicht mit den gleichen Formeln berechnen, wie KPis.

So sind denn die Arbeitsplätze, die in unserer Gesellschaft als kostbares Gut gepriesen werden, überwiegend keine Arbeitsplätze in diesem ursprünglichen Sinne. Es sind Einkommensplätze, Plätze im Hamsterrad der Ökonomie, notwendige Übel um weiterhin über ausreichend finanzielle Mittel für eine Teilhabe an der Gesellschaft zu verfügen und nicht ins Prekariat abzudriften. Deswegen sind sie ja selbst dann noch schützenswert, wenn sie aus ökonomischer Sicht sinnlos geworden sind. Da müssen dann Subventionen her um Arbeitsplätze zu erhalten, wenn in einer bestimmten Branche der Absatz einbricht. Böse Zungen behaupten zwar, man müsse nur die Produktion wieder an der Nachfrage am Markt ausrichten. Doch wer das sagt wird schnell mit einem Hinweis auf die Bedeutung der Arbeitsplätze für die Betroffenen zum Schweigen gebracht und gilt fürderhin als unsozial. Und so ist es in der Wirtschaft heute möglich mit jedem Unsinn Geld zu verdienen, solange man nur neue Arbeitsplätze erschafft, während so manch gesellschaftlich wertvolle Tätigkeit ungetan bleibt. Wenn man dann durch verfehltes wirtschaften das Bestehen eines Unternehmens gefährdet hat, so kann man auf Unterstützung von allen Seiten rechnen – um die kostbaren Arbeitsplätze zu erhalten. Irgendwie verdreht.

Mir persönlich wäre es lieber, wir würden der Arbeit den Sinn geben, den sie als eine schöpferische und gestaltende menschliche Kraft verdient – und den Arbeitsplätzen ein wenig ihrer künstlich übergestülpten Bedeutung wieder entziehen. Denn ich kann mir nicht vorstellen, dass ein Arbeitsplatz tatsächlich das höchste Gut sein kann. Als ich das letzte Mal darüber nachsann, da war das höchste Gut noch das Leben (bzw. die Gesundheit). Wenn es sich in unserer Gesellschaft heute anders darstellt, dann sollten wir uns fragen, wie das sein kann - und schleunigst umdenken.

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Meine Gedankengänge wurden angeregt durch folgende Quellen:

Anne Will

Forum Grundeinkommen

Arbeit und Muße