Freitag, 25. Juni 2010

Schauspiel in vierzehn Akten

Sieben Jurymitglieder, vier Männer und drei Frauen, sitzen im Halbkreis auf der Bühne. In ihrer Mitte eine Moderatorin. Viele Kameras und Spiegel. Noch mehr Zuschauer.

Am Rand der Bühne, ungefähr zwei Meter vom Halbkreis der Juroren entfernt, steht ein weiterer Stuhl mit einem Tisch davor. Zunächst ist er leer. Aber wie von stiller Hand platziert sitzt dort unvermittelt ein lesender Mensch, auf den sich die Kameras richten. Dreizehn Seiten lang dauert das Lesen. Vorher sagt die Moderatorin knapp „Herzlich Willkommen“. Am Ende sagt sie manchmal, während die Lesenden die Bühne schon halb wieder verlassen haben, schnell noch „Danke“. Wohl weil das klatschende Publikum sie daran erinnert hat, dass jemand die Bühne verlässt. Vierzehn Lesende wird es geben, dann endet das Schauspiel.

Ganz am Anfang werden die ersten Lesenden nach ihrem Lesen noch gebeten, unter den Jurymitgliedern Platz zu nehmen. Schön ist das und fast so, als gehörten sie dazu. Mitten im Halbkreis sitzen sie dann, etwas ungeschützt auf einem Stuhl ohne Tisch davor, in einer Reihe mit den Kritikern. Später gibt es das nicht mehr und die Lesenden bleiben nach dem Lesen still abseits auf ihrem Leseplatz sitzen, während die Kamera sich dezent fern hält. Manch einer von Ihnen sagt jenseits der dreizehn Leseseiten vielleicht noch „Guten Tag“ und „Danke“.

Dafür reden die Kritiker in der Jury umso mehr, als ginge es um sie. Sie sagen Sätze wie „Der Text weiß alles, der Autor ist doch nur ein dummer Kopf“, „Ich halte das für einen dilettantischen Text“ und „Das ist konventionell erzählt und sprachlich völlig uninteressant“. Das ist drinnen, im Fernsehstudio. Draußen an den digitalen Endgeräten sprechen andere Fachmänner und Fachfrauen gleichzeitig über die Lesenden. Sie sagen Sätze wie „Hoffentlich liest der Autor gleich nicht so schlecht, wie er im Videoportrait erzählt“ und „Der dritte Vorlesende ist fertig. Der magere Applaus hat mich geweckt.“ Aber das wissen die Lesenden nicht, sie sitzen auf der Bühne und hören schweigend den Juroren zu. Sie müssten nicht schweigen. Sie dürften etwas sagen und sich oder den Text verteidigen, ist alles schon vorgekommen. Aber das gilt als unfein, als ganz, ganz schlechter Stil. Die Urteile der Kritiker nimmt man schweigend hin und geht ruhig ab. Je weniger man sich anmerken lässt, desto professioneller wirkt es. Jeder weiß das.

Und trotzdem ist das alles keine Prüfung und kein Polizeiverhör. Es ist ein Literaturwettbewerb. Die Lesenden sind auch nicht ganz neu im Geschäft. Mehr als einer von ihnen hat bereits eine literarische Veröffentlichung vorzuweisen. Sie haben das Handwerk studiert, arbeiten als Journalisten, Wissenschaftler und Werbetexter, verdienen mit dem Verfassen von Texten bereits Geld. Aber wenn sie bei diesem Wettbewerb gewinnen, dann erhalten sie noch viel mehr Geld und außerdem Preise und Anerkennung und Aufmerksamkeit. Und falls sie nicht gewinnen, dann erhalten sie immerhin wertvolles Feedback und Erfahrung. Deswegen setzen sie sich dem Ganzen wohl aus. Ich würde das auch tun. Wenn ich eingeladen wäre, dann würde auch ich hinfahren. Auch ich würde nur „Guten Tag“ und „Danke“ sagen, lesen und schweigend abgehen. Ich wäre sogar dankbar dafür, nichts erklären zu müssen.

Aber ich bin nicht dort, sondern sitze vor dem Fernseher. Deswegen fällt mir auch auf, wie wenig Zeit die Lesenden vor der Kamera verbringen, wie wenig sie in den Ablauf integriert sind und wie unbedeutend sie sein müssen. Sie sind keine gleichberechtigten Partner im Literaturgeschäft, zumindest nicht in Klagenfurt. Hier sind sie Gladiatoren, die ihr Handwerk vorführen und am Ende einen Daumen sehen, der nach oben oder nach unten zeigt. Meistens nach unten. Wer die Macht der Deutungshoheit hat, das ergibt sich für den Fernsehzuschauer schon aus dem Bühnensetup. Wer die Macht hat, der wählt die Maßstäbe aus, die angelegt werden. Der darf sich erklären und spricht, auch über die immer noch auf dem Stuhl sitzenden Autoren, als seien sie gar nicht da oder könnten sowieso nichts verstehen.

Kommentare:

  1. Huh. Literatur im TV, das ist eine eigene Kunst. Ein Reich-Ranicki zelebrierte die Kritik, er konnte das, weil er wusste, dass er es kann. Heutige Kritiker müssen sich in besonderen Sätzen ergehen, um dem Publikum zu sagen: "Hey, ich bin ein kluges Köpfchen!"

    Ich finde dieses literarische Gladiatoren-Drama entwürdigend. Kein Text kann allen Juroren gefallen. Geht nicht. Ich würde so einen "Wettkampf" mit alteingesessenen Autoren sehen, die über die Maßen erfolgreich sind. Die Kritker würden kleinlaut über Unzulänglichkeiten befinden.

    Ich frage mich, wie weit die schreibenden Leutchen gehen, um Aufmerksamkeit zu erheischen?

    Richard

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  2. Stimmt, das würde ich auch gern sehen: etablierte Autoren, die mit guten Kritikern über ihre Werke sprechen. Ich meine wirklich sprechen, keinen Showkampf für die Quote.

    Aber ganz ehrlich: Kritiker möchte ich heute auch nicht sein. Wenn man einen Text, zumal einen literarischen, bewertet, sagt man doch im Grunde mehr über sich selbst und seine Sichtweise, als über den Text. Das muss schwer sein.

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