Mittwoch, 4. Mai 2011

Ceci n’est pas une recension


Meine Meinungsbildung zu Rezensionen ist unvollendet. Ich habe welche gelesen, die mich dazu brachten, das besprochene Buch sofort zu kaufen, zu lesen und es nicht zu bereuen. Ich habe einige gelesen, bei denen ich dachte, ach herrlich, solche Rezensionen möchte ich selbst schreiben können. Trotzdem stößt man immer wieder auf dünkelhafte Beissreflexe und Autorenbeleidigungen in Verrissen, deren Verfasser allzu grenzenlos vom Text auf den Schriftsteller schließen ohne zu berücksichtigen, was eine solche Sichtweise – konsequent auf ihre Rezensionstexte angewendet – über sie selbst aussagt. Mitunter verhalten sich Rezension und Roman zueinander wie die Farbe des Regenschirms zur Form der Wolke und es finden sich unbegründete Meinungen, langatmige Inhaltswiedergaben und krampfhaft Schöngeistiges. All das allein im Feuilleton, unabhängig davon in welcher medialen oder auch transmedialen Form er daherkommt.

Ein Blick jenseits der scharf bewachten Demarkationslinie zur Wissenschaft zeigt, dass es dort anders, aber nicht zwingend besser aussieht. Zwar zeigen @astefanowitsch und @neous wie es geht, aber der analytische Verstand publikationswütiger Literaturwissenschaftler, Diskursanalytiker, Linguisten und Kulturwissenschaftler bringt weiterhin ähnliche Schling- und Kletterpflanzen hervor, wie das Feuilleton. Sie riechen nur etwas strenger, weil die Beigabe Humor seltener anzutreffen ist. Auch hier changiert das Endergebnis gerne mal zwischen mechanistisch unlesbar, weltfremd verkopft, tendenziös inhaltsleer und beliebig falsch. Manchmal ist man als Leser geneigt zu glauben, dass jeder, der sich jahrelang intensiv mit Literatur beschäftigt, einen an der Waffel haben muss.

Den Teufel werde ich also tun und selbst Rezensionen oder Romananalysen mit wissenschaftlichem Anspruch schreiben. Was die Welt nicht braucht, sind mehr solcher Ergüsse von Laien wie mir. Was ich jedoch brauche, ist ein Nachschlagewerk für Notizen zu Romanen und Kurzgeschichten, die ich gelesen und für mich persönlich für bedeutsam befunden habe. Meine Methode ist auch nach vielen Jahren nicht ausgereift und scheitert bisher an meiner Unbeständigkeit. Früher befüllte ich Access-Datenbanken, später Dateien in Ordnerstrukturen. Immer wieder kritzele ich Notizen in das Buch selbst (und finde sie erst beim zweiten Lesen wieder), experimentiere mit OneNote, DropBox, Memos im Handy (die ich zu syncen vergesse), lege neue Excel-Tabellen an oder verlege Moleskines. Zwischendurch bereichere ich mein ToDo-Fach um weitere lose Kritzelzettel und Bierdeckel, die unbedingt bei nächster Gelegenheit digitalisiert werden müssen (d.h. gleich nach den ollen VHS-Kassetten…).

Schluss damit. Ab heute gibt es eine zusätzliche Methode, die ich inkonsequent anwenden und dann fallen lassen kann. Das ist umso spaßiger, als ich die Ergebnisse in diesem Blog der Öffentlichkeit zugänglich machen möchte. Vorteil: Ich kann mich zunächst theoretisch damit beschäftigen, wie ich das anstelle, statt es tatsächlich zu tun. Sobald diese Phase abgeschlossen ist gibt es unter dem Label „analytisch“ kurze (!) Blogbeiträge mit den Ergebnissen meiner ganz persönlichen und höchst unwissenschaftlichen Romananalyse. Damit kann dann zwar niemand außer mir etwas anfangen, aber das ist mir ja egal. Dies ist kein altruistischer sondern ein zutiefst egoistischer Plan. Immerhin weiß ich dann, wo ich meine Notizen zum letzten Roman von XYZ herumliegen habe - und hier im Blog komme ich jederzeit von überall her an sie ran.

Beginnen werde ich mit „Bewusstseinsspiele“ von Pat Cadigan, weil das der letzte ausgelesene Roman ist. Wie gesagt, aktuell systematisiere ich grob, welche Punkte mir wichtig erscheinen. Seit der Studienzeit sind mir narratologische Untersuchungsebenen sehr sympathisch, weil ich dieses Feld mal für eine Prüfung beackert habe. Ich denke, die werden gelegentlich zum Einsatz kommen. Die Idee dazu verdanke ich übrigens – zumindest teilweise – dem herrlich blauen Literaturblog Blauraum von Friederike, auf das mich @dschun genau in dem Moment aufmerksam machte, als mein Unterbewusstsein über das Problem meiner verstreuten Notizen nachgrübelte. Danke dafür!

Kommentare:

  1. Wirklich sehr interessant dein Eintrag, denn genau so ein Problem habe ich auch. Ich löse es bisher nur damit, mir wichtige Bücher selbst zu kaufen und dann anzustreichen. Ich habe noch einen Blog über japanische Literatur (http://japanliteratur.net) wo ich eigentlich auch gerne neben den Rezensionen irgendwie noch analytischer werden würde und die Romane übergreifend gruppieren etc. Ich weiß aber noch nicht recht wie ich da herangehen soll. Von daher warte ich jetzt erstmal gespannt ab, was bei dir so herauskommt.

    Zu den Rezensionen: Ich habe inzwischen ca. 150 geschrieben, manche gefielen mir sehr, andere inzwischen gar nicht mehr. Und ich habe auch das Gefühl, ich kriege da irgendwie gar nicht alles unter, was wichtig ist, weil die Rezension dann zu lang wäre bzw. einfach keine Rezension mehr. Ich weiß also nicht, ob das wirklich meine auf DAuer bevorzugte Textform bleibt.

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  2. Na, das hört sich ja wunderbar an. Einzig, dass dein blog auf blogger vom Stapel läuft, das stößt mir ein wenig auf, weil das Kommentieren hier supernervig ist. Das macht wordpress um Längen besser. Einfacher halt. Und das ist ja heutzutage das Um und Auf, bei gefühlten 934103 Trillionen Webseiten und Blogs, wo man kommentieren darf, soll, muss.

    By the way: eine vielleicht nicht uninteressante Idee zu Rezensionen hätte ich auch noch. Keine Sorge, es hat nichts mit meinen Büchern zu tun ;-)

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  3. @blauraum (Friederike):
    Bin selber gespannt, was dabei herauskommt und wieviele Anteile Rezi, narratologisch-stilistische Analyse, Autorenportrait, unsinniges Geschwafel und Geheimzutat aus dem Kräuterregal ich in welchem Verhältnis mische. Vermutlich wird es tabellarisch oder eine Art 10-Punkte- Fragenkatalog, schon wegen der Länge. Am Ende werde ich aber jede Systematik dem unterordnen, was mir eben aus meiner sehr punktuelen Sichtweise heraus für diesen bestimmten Roman (denn das wird es meistens sein) wichtig erscheint. Also je gröber die vorgegebene Struktur, je besser, denke ich. Nebenbei mache ich vielleicht eine Übung draus, den Inhalt in einem Satz zusammenzufassen - das fällt mir immer wieder schwer ;-)

    @dschun (Richard):
    Da freu ich mich, dass Du dennoch von Deinem auf Hochglanz polierten Wordpress-Blog den Weg in dieses baufällige Blogger-Hüttendorf gefunden und einen Kommentar hinterlassen hast ;-) Sei bitte vorsichtig auf dem Rückweg. Nicht, dass hier noch was einstürzt! Wir leben hier sehr zurück gezogen und sind so viel Betrieb wie heute gar nicht gewohnt. Aber halt, ein Momentchen noch bevor Du gehst: Von welcher Idee sprachst Du?

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  4. Urgs... das Problem mit den Notizen ist mir nur allzu gut bekannt. Ein halbes Dutzend Moleskines, Notizen bei Evernote und Dropbox, eine handvoll Text- und Exceldateien und jede Menge lose Blätter und beschmierte Bücher.

    Irgendwie scheint es kein durchgängig funktionierendes System zu geben, und wenn man dann mal eine Notiz sucht, dauert es gefühlte zweieinhalb Stunden, bis man sie gefunden hat.

    Bin gespannt, wie die neue Methode für Dich funktioniert und vor allem wie lange Du durchhältst. ;-)

    Das neue Aussehen des baufälligen Blogger-Hüttendorfs gefällt übrigens sehr, allein die rostigen Nägel sollten entfernt und das Wellblechdach erneuert werden. Hast Du schon mal über Wordpress nachgedacht? ;-)

    Aber Richard hat schon Recht: Die Kommentarfunktion ist etwas... umständlich.

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  5. Um analoge Notizen jeglicher Art zu sortieren, empfehle ich übrigens Post-it® Index Strong 686-F1EU. Funktioniert auch super in Moleskines!

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  6. @DedalusRoot:
    Was mich erstaunt ist nicht, dass Du das gleiche Problem mit der Systemlosigkeit hast, sondern dass Du Deine Notizen trotzdem innerhalb von zweieinhalb Stunden wieder findest ;-) Respekt!

    @all bezüglich des baufälligen Hüttendorfes und der Kommentarfunktion. So richtig optimal finde ich es auch nicht. Und ja, ich denke mindestens einmal monatlich über einen Wechsel zu Wordpress nach, bin aber bislang zu faul. Ich hab jetzt mal wieder die Kommentare auf embedded im Blogpost umgestellt und teste das hiermit gerade selbst. Früher hatte ich das schon mal so, aber da sagte jemand - ich glaube Petra van Cronenburg - mit der Einstellung gäbe es noch mehr Probleme und sie könne dann gar nicht kommentieren. Falls mir das jemand genauer erklären kann, ich bin für Tipps dankbar. Momentan treibt mich allerdings mehr der Bloginhalt um, als die Technik.

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  7. Ich hab das Kommentierproblem gelöst: Es liegt an den Einstellungen im Browser des Kommentierenden. Sind die Kommentarfelder "embedded" wie hier, muss man "Cookies von Dritten akzeptieren" einstellen - und alles geht. Befindet sich das Kommentarfeld auf einer extra-Seite (wie bei mir), werden keine Cookies von Dritten verteilt - was die meisten Leute eingestellt haben.

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  8. Übrigens, der dschun kommentiert ganz hemmungslos in meinem Blogger-Slum, aber wie gesagt, ich habe mein Kommentarfeld nicht "embedded" sondern auf eigener Seite.
    Das geht ganz einfach:
    Blogger-Dashboard unter "Einstellungen" - dort unter "Kommentare" - bei "Platzierung des Kommentarformulars" ankreuzen: "vollständige Seite". Dann sollte sogar dschun kommentieren können. ;-)
    Die Methode hier ist wirklich etwas umständlich, liegt aber nicht an Blogger (das übrigens auch mit Wordpresshintergrund etc. laufen kann)

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  9. Danke Petra, hatte ich das doch grob richtig in Erinnerung. Spontan neige ich nach meinem Test von vorhin und dieser Information von Dir dazu, es im eingebetteten Zustand zu belassen. Erstens, weil es mir selbst besser gefällt. Zweitens, weil es leichter und schneller geht. Drittens, weil fast alle die ich so kenne mit dem Mozilla Feuerfuchs unterwegs sind und somit (bei entsprechender Einstellung unter Extras - Einstellung - Datenschutz) alle Cookies beim Schließen des Browsers gelöscht werden. Et voilá! Hach, was bin ich heute entscheidungsfreudig ;-)

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  10. Sie müssen aber "Cookies von Dritten akzeptieren" per Hand einstellen, das macht der firefox nicht automatisch... (wenn aber selbst ich Dödel das herausgefunden habe!)

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