Mittwoch, 16. November 2011

Sie hätten nicht reingebissen

Da sitzt du dann, mittendrin. Stimmengewirr um dich herum und eine der Stimmen fragt, ob’s noch ein Espresso sein darf. Du schüttelst den Kopf und die Musik spielt dazu. Big girls don’t cry. Das Jetzt klebt wie eine zu kleine Plastikhaube auf deinem zu großen Ich, als ob man das ganze Leben dort hinein gepfropft hätte, zusammen mit all den anderen und den Geräuschen, Gerüchen und der ganzen Playmobil-Zivilisation, von der dir übel wird. Jetzt, wo du hier sitzt, kommt es dir vor, als sei das alles viel zu eng, um darin zu leben. Du denkst das auch, genau in dem Moment: „Darin kann man nicht leben“ und nickst dazu, weil sonst keiner hier ist, der dir zustimmen könnte. Nein, das kann man nicht. Deine Augenbrauen ziehen sich zusammen, als ob es später wieder Kopfschmerzen geben könnte. Und alles nur, weil jemand gestorben ist. Sonst, ja, sonst wäre es hier nicht laut und lärmend, sondern belebt. Nicht überladen mit Parfüm- und Pizzagerüchen, sondern lecker. Nicht playmobilartig, sondern warm und menschelnd.

Keiner wird verstehen, warum du einfach gegangen bist. Du kannst es dir selbst nicht erklären, aber es war wichtig sich dem dort zu entziehen und sich stattdessen dem hier – ja, auch diesem Playmobillachen in Coral Red da hinten - auszusetzen. Hier kennt dich wenigstens niemand, das ist besser so. Obwohl dich auch hier der Ekel anfällt vor all dem Leben, das gar keines ist und sich dessen noch nicht einmal bewusst ist. Sie vollführen alle Handgriffe des Lebens und spüren nichts davon. Womit du nicht gedacht haben willst, dass man sich nur im Angesicht des Todes lebendig fühlen kann. Das wäre albern. Als ob es extreme Gegensätze bräuchte, um das Gebiet dazwischen zu kartographieren. Blödsinn. Es bedürfte lediglich eines kleinen Momentes, in dem das Bewusstsein sich über das Dasein erhebt, in die Hände klatscht oder deinetwegen auch auf den Fingern pfeift und sagt „Ey, das hier ist Leben.“ Aber vor lauter Getue kommt es gar nicht dazu. Es ist vollkommen im Einsatz, all die Formalien des am Leben seins am Laufen zu halten. Augenkontakt nicht zu lang halten, aber auch nicht sofort angewidert wegschauen. Nicht den Mund offen stehen lassen. Haltung aufrecht, bloß nicht öffentlich in sich zusammensacken und mit den Schultern zucken. Das gehört sich nicht. Und weghören, bloß immer schnell weghören oder zumindest nicht sichtbar auf das Gehörte reagieren.

Halten diese Menschen tatsächlich die grellen Farbfotos auf der Plastikspeisekarte für appetitlich, oder auch nur realistisch? Hat jemals einer von ihnen auf einem echten Bruscheta diese Rot-, Orange- und Gelbtöne erblickt? Natürlich nicht. Und falls doch, sie hätten nicht reingebissen. Draußen stürmt es und hier drinnen ist nur in dir Ruhe. Deine Lippen formen ein „Danke, Oma“ und erst jetzt bist du bereit für deinen Espresso.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen