Discursive Observations on Narrative Communication & Introspection.
Zwischen Nexus und Limbo.
Montag, 19. Dezember 2011
Realitätsverlust
Ich lebe in zwei Welten. An die tägliche Pendelei, die das mit sich bringt, habe ich mich inzwischen gewöhnt. Was ich zu bemängeln habe, würden wir auf Twitter unter dem Hashtag #firstworldproblems diskutieren, denn in beiden Welten fehlt es mir – global betrachtet – an nichts Essentiellem. Es geht mir gut. Im Grunde bin ich privilegiert, so zwischen den Welten hin- und her wechseln zu können. Ich bin nur etwas genervt vom Kulturschock, den ich dabei erlebe.
Das darf man sich nun nicht so vorstellen, dass ich morgens erst die eine Welt betrete und dann, ein paar Stunden später, irgendwann in die andere wechsele. Tatsächlich sind es Parallelwelten in dem Sinne, dass ich mich gleichzeitig in beiden befinden kann. Es ist auch nicht so, dass ich die eine Welt besser finde und meine Unzufriedenheit damit zusammenhinge, dass ich gern mehr Zeit in der einen und dafür weniger Zeit in der anderen verbringen möchte. Nein, die Aufteilung ist schon ganz gut, so wie sie ist. Ich liebe beide Welten und möchte keine von ihnen missen.
Die eine Welt ist die, in der ich Menschen, Dinge und Gebäude anfassen, riechen und ansehen kann. Ich kann in dieser Welt frieren oder die Heizung aufdrehen, in Meetings oder zur Toilette gehen, mit der Katze auf der Couch kuscheln, mit dem Mann in der Küche Salat schnibbeln, mit Freunden zelten gehen, Yoga machen, ein Glas Wein zu viel trinken und Schnupfen haben. Das ist die Welt, die wir die Reale nennen. Dieses „real life“ mit der Hammergrafik (zumindest für alle Sehenden ohne Sehschwäche).
Die andere Welt gibt es noch nicht ganz so lange, aber sie hat viele neue Features zu bieten. Ich arbeite in und mit ihr, lerne dabei ständig neue Leute kennen, diskutiere mit ihnen, schaue Filme, höre Musik, lese Artikel, bestelle Kinokarten und Pizza – und wenn ich unterwegs bin sagt sie mir, wo meine Freunde gerade sind. Inzwischen ist es so, dass die neue Welt alle meiner realen Aktivitäten begleitet, ergänzt, erleichtert. Nennen wir sie die digitale Welt.
Zugegeben, diese begriffliche Unterscheidung in „reale“ und „digitale“ Welt ist nur bedingt sinnvoll. Schon weil die digitale Welt für mich und viele andere genauso greifbar und real ist, wie die eigentliche reale Welt. Außerdem haben, wie gesagt, auch in der realen Welt mittlerweile digitale, mobile Hilfsmittel Einzug gehalten, auf die ich nicht mehr verzichten mag. Ich werde dennoch weiter von der realen und der digitalen Welt sprechen, weil – und das ist schon ein Grund für meine Unzufriedenheit – weil die reale Welt dauernd einen auf dicke Hose macht und sich irgendwie realer, also überlegen wähnt. Sie sträubt sich, Neuerungen aus der digitalen Welt in sich aufzunehmen, kommt aber selbst dauernd über die Grenze gelaufen um auch in der digitalen Welt Dinge zu regeln, die sie nichts angehen. Es ist, als ob sie sagen wollte: „Ich war aber zuerst da!“ und mit dem Fuß aufstampft.
Das liegt sicher daran, dass die reale Welt tatsächlich etwas älter und erfahrener ist. Sie existiert schon unglaublich lange und unsere Gesetze, unser soziales Verhalten, unsere Werte und unsere Gewohnheiten als Gesellschaft sind in der realen Welt entstanden. Deswegen sprechen wir über die neue digitale Welt auch so gern in Metaphern aus der alten, realen Welt. Dann „surfen“ wir im Netz, wie auf den Wellen des Ozeans. Und wenn in der digitalen Welt mal wieder ein Shitstorm losbricht, ist das ein bisschen so, wie bei einem Wettersturm in der realen Welt, nur eben mit Scheiße und ganz viel Wind, statt mit Regen und ganz viel Wind.
Die digitale Welt funktioniert aber schon ganz gut, obwohl – oder vielleicht ja weil – sie noch so jung ist. Inzwischen gibt es die ersten Generationen in der sog. Ersten Welt, die mit der digitalen Welt aufgewachsen sind, sich eine reale Welt ohne digitale Welt also gar nicht mehr so richtig vorstellen können. Und das Schöne an der digitalen Welt ist, dass man dort eine ganze Menge Dinge tun kann, die in der realen Welt schwierig sind oder gar nicht gehen. Zum Beispiel kann man in der digitalen Welt auch als Ottonormalbürger sehr schnell eine ziemlich große Menge Menschen erreichen. Vor zwanzig Jahren hätte man eine Anzeige in einer Zeitung oder einen Werbespot im Fernsehen kaufen müssen, oder vielleicht an Laternenpfähle Flugblätter hängen, um so viele Menschen zu erreichen – und es wären immer noch nicht so viele so weit verstreute Menschen gewesen, wie man sie heute im Netz mit nur einem Tweet oder Blogpost erreichen kann.
Überhaupt kommt man im Netz an Leute ran, von denen man früher nur in den Medien gehört hätte: wichtige Politiker, Journalisten, Unternehmensgründer, Entscheider, Wissenschaftler, Schauspieler, Künstler, Schriftsteller und Leute in gänzlich anderen Lebenssituationen als man selbst. Mit denen kann man sich vernetzen – wenn die das auch wollen – und mit ihnen über das harte Brot der schreibenden Zunft, das BGE, den Wandel der Arbeitswelt, Bürgerbeteiligung, fehlende Kita-Plätze, den braunen Sumpf in Deutschland, Open Data, Netzkultur, Datenschutz, Bahnhofsprojekte, Juchtenkäfer, Mett, Atomkraftwerke und sogar so spannende Sachen wie die Genese ihrer Dissertation und ihrer Privatkredite zu sprechen. Am Ende eines ganz normalen Tages hat man auf diese Weise eine ganze Menge Themen durch und fühlt sich richtig gut informiert und auch wichtig (empowered!), weil man ja am Puls der Zeit mit wichtigen Akteuren über die wichtigen Dinge gesprochen und sich eingebracht hat.
Außerdem sind ganz viele beeindruckend visionäre, mutige Denker und Gesellschaftskritiker im Netz unterwegs. Die verabreden sich da, um gemeinsam Diktatoren und Regime zu stürzen oder auch nur, um überkommende, verknöcherte Strukturen aufzubrechen und was Neues anzufangen. Einige kennen sich mit Eichhörnchen gut aus und Orange tragen viele, aber überhaupt ist es im Netz sehr bunt, und das ist gut so.
In einer so bunten digitalen Welt gibt es natürlich auch ein paar Probleme, das will ich nicht verschweigen. Es gibt Bewohner der digitalen Welt, die sich darüber lustig machen, wenn die Offliner (so werden die Ureinwohner der realen Welt genannt) den Unterschied zwischen einer IP und einer Domain nicht kennen und nicht wissen, was zum Beispiel so ein Blogpost ist (Protipp: dieser Text ist einer). Dann rollen die im Netz mit den Augen und halten so komisch die Hände vor das Gesicht, aber man merkt genau, dass sie sich jetzt auf ihr Wissen was einbilden und selber einen auf dicke Hose machen. Sowas ist natürlich nicht fein. Es schreckt auch viele Offliner ab, öfter mal in die digitale Welt zu fahren, obwohl sie sich da gerne mal umschauen würden. Die digitale Welt ist da ein bisschen wie Frankreich, wenn man ehrlich ist – und jeder weiß, dass man nach Frankreich guten Gewissens erst fahren darf, wenn man ein mehrjähriges Französischstudium absolviert hat. Aber weil sich die digitale Welt schneller verändert, als das reale Frankreich, gehört das sicherlich bald der Vergangenheit an. Es hat sich schon ziemlich weit herumgesprochen, dass alle Besucher der digitalen Welt – auch diejenigen, die sich für die Technik dahinter nicht interessieren – ein Recht darauf haben, die digitale Welt so Verbraucher- und Nutzerfreundlich erklärt zu bekommen, dass sie vor den Risiken aus und in der digitalen Welt geschützt sind. Es wäre am Ende gut möglich, dass die digitale Welt das schneller begreift und umsetzt, als die Reale, die ja immerhin einige Jahrhunderte Zeit hatte.
Nun gibt es also diese zwei Welten schon eine ganze Weile. Beide sind toll. Aber das Zusammenwachsen der beiden geht auch nicht ganz reibungslos vonstatten. Die reale Welt meint, sie kenne den Menschen an sich besser und verweist auf ihre umfangreichen Erfahrungen. Die digitale Welt hüpft herum wie ein Teenager, sagt laut „Orrrr!“, fordert Transparenz und Authentizität und hinterfragt alles. Mittendrin gibt es so Leute wie mich, die sich in beiden Welten heimisch fühlen und gelegentlich den Kopf schütteln. Im Netz erzählen wir dann den allzu naiven Übermütigen gerne, dass alleine der Wechsel des Mediums eben nicht bestehende soziale Unterschiede und gesellschaftliche Strukturen sofort automatisch auflöst und alle Menschen gemeinsam fucking empowered, Hand in Hand Kumbayah-singend ins neue digitale Jahrtausend aufbrechen. Und in der realen Welt sitzen wir mit einem Kopf, der voll ist mit visionärem Denken und allen möglichen Utopien aus der Netzwelt, der sich aber immer wieder heftig zur Tischplatte neigt, weil in der realen Welt ein Kulturschock den nächsten jagt. Ein einziges Vorstellungsgespräch in der realen Arbeitswelt und man ahnt, wie viele Nischen in Raum und Zeit konserviert vor sich hin dämmern, äh, existieren. Flache Hierarchien, kollaborative Teamstrukturen und Work-Life-Balance bleiben Lippenbekenntnisse, Nachhaltigkeit ein Effizienzbegriff, Sabaticals ein Fremdwort. Mit Verlaub, so hört man, man muss ja nicht jeden neumodischen Schnickschnack aus den USA mitmachen, wir sind ein seriöses dt. Unternehmen (was übersetzt heißt: „Bei uns wacht noch die Vorzimmerdame über das E-Mail-Konto des Chefs, im Firmennetz ist die private Internetnutzung verboten, aber wir halten die USA weiterhin für die Leitkultur.“)
Ja, ich weiß, für all diese Dinge kann die digitale Welt genauso wenig, wie die Reale. Bestimmt liegt es an mir. Bestimmt bin ich nur ein weiteres Opfer der Filterbubble: sich dauernd mit Gleichgesinnten umgeben und dann erstaunt sein, wenn man auf konservative Andersdenkende aus dem letzten Jahrtausend stößt. Das fühlt sich an, als wäre ich ein ewiger Teenager geblieben: bereit, alles zu hinterfragen, auszuprobieren, anzugehen und ggf. auch an mir selbst zu ändern, aber umgeben von Erwachsenen, die zur Vorsicht mahnen und von Sachzwängen sprechen, selbst wenn bisherige Strukturen und Systeme gerade global und episch kollabieren. Das ungläubige Kopfschütteln gilt dennoch allzu oft mir und meiner unglaublichen Naivität.
Dabei bin ich alles andere als ein Teenager und auch nicht dem Jugendwahn verfallen. Ich kann auf sechzehn Jahre Berufsleben zurück blicken. Ich bin kein sozial-verarmter Vollnerdgamer, der dauernd nur in irgendwelche Geräte starrt und ohne seine Tools und Gadgets (oder gar bei leerem Akku – wahh!) völlig aufgeschmissen ist. Ich bin im Grunde sogar eine später Zugezogene, denn mein erstes richtiges Smartphone bekam ich erst 2010. Aber die digitale Welt steht mir seit etwa 1998 zur Verfügung und ich habe mich von Anfang an darin umgesehen, in ihr gearbeitet und Spaß gehabt. Die Ideen und Kontakte, mit denen sie mich versorgt hat, haben meine Weltsicht entscheidend geprägt – und machen ein Leben in der alten realen Welt immer schwieriger. Ich bin zunehmend genervt von der Tatsache, dass die Versprechen und Hoffnungen der digitalen Welt so mühsam und langsam in meiner realen Welt Wurzeln schlagen. Ich spüre, wie ich ungeduldiger werde und die täglichen Kulturschocks nicht mehr ganz so gleichmütig hinnehme, wie noch vor einigen Jahren. Und das, obwohl ich im Grunde weiß, dass wir den Wandel nur mit den Menschen gestalten können, die jetzt hier sind. Andere gibt es nicht.
Abonnieren
Kommentare zum Post (Atom)

0 Kommentare:
Kommentar veröffentlichen